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The Anomalys
The Anomalys
Slovenly Records
Das, was ich weiter unten über No Idea Records geschrieben habe, gilt fast uneingeschränkt auch für Slovenly Records aus den Niederlanden, die ja leider nicht Weltmeister wurden, obwohl ich es ihnen so gegönnt hätte. Zurück zum Thema: Auch auf Slovenly ist in den meisten Fällen verlass: Selten gibt es ein schlechtes Release. So auch das Debütalbum von The Anomalys aus ebenfalls den Niederlanden. Ein ganz großes Garage-Punk'n'Roll Feuerwerk wird hier abgefackelt. Das Trio, das ausschließlich aus 2 Meter Hünen besteht, rockt sich hier durch 60er, 70er und wieder zurück. Dazu gibt es noch fetten 80er Fuzz-Punk sowie 90er Crypt-Punk. Mal instrumental, mal mit kratziger, rauer Stimme, oft mit nicht verzerrter Gitarre, aber immer irgendwie laut und scheppernd. So was kriegt man heutzutage nicht mehr oft zu Gehör. Die Anomalys sollen live übrigens Granaten sein. Sollte man sich nicht entgehen lassen, wenn die mal in der Nähe spielen…


Cats On Fire
Dealing In Antiques
Pyramid/Cargo
Letztes Jahr haben uns die finnischen Cats On Fire noch mit ihrem überaus gelungenen Album "Our Temperence Movement" verzaubert, nun kommt mit "Dealing In Antiques" eine Compilation mit raren Single und EP Stücken sowie Demoaufnahmen heraus, auf der sich eine Handvoll unveröffentlichte Songs befinden. Geboten wird uns hier dieser überaus eingängige und melodische Indiepop der tief in der Musik von Bands wie Prefab Sprout, Housemartins und vor allem The Smiths verwurzelt ist. Nein, "Dealing In Antiques" ist bei weitem nicht bloß ein verschrobenes Sammlerstück wie man vermuten könnte, sondern ein durchgängig gutes Album, dass den musikalischen Horizont von Cats On Fire glasklar widerspiegelt.


Dirty Tactics
It Is What It Is
No Idea Records
Auf No Idea Records ist immer Verlass: Verlass darauf, dass sie den geilsten Scheiß in Post-was auch immer, also Postcore oder Postpunk ausgraben! Verlass darauf, dass sie so gut wie nie eine schlechte Platte rausbringen!! Verlass darauf, dass sie mehrmals im Jahr einem die nächste Lieblingsband präsentieren!!! Wie machen die das nur? Mit Dirty Tactics kommt aus Philadelphia die nächste dieser Lieblingsbands. Und was für eine Lieblingsband, vereint sie doch das Beste anderer Lieblingsbands wie Lawrence Arms, Against Me!, Gaslight Anthem und Stiff Little Fingers oder Adverts. Ja, richtig gelesen: Stiff Little Fingers oder Adverts! Denn neben dem ganzen Post-Gedöns in ihrer Musik legen die Dirty Tactics auch noch eine fette Schüppe Oldschool Punk mit drauf. Und es gibt noch so eine richtig schöne 60er Orgel obendrauf? Nachdem die Band 2, 3 Veröffentlichungen auf Minilabels getätigt hat, kann man nun hoffen, dass sie über No Idea die ihnen gebührende Aufmerksamkeit erlangen können. Mensch, eine Europa-Tour von den Dirty Tactics wär schon etwas Feines. Wie schon erwähnt: meine neue Lieblingsband!!!


Editors
Eat Raw Meat = Blood Drool EP
Kitchenware Records/PIAS
Da ich ja eh ein großer Editors Fan bin, kann an dieser Stelle einfach nichts Schlechtes über die Band stehen. Und man ist natürlich froh über jeden neuen, noch nicht veröffentlichten Song. Auch wenn es davon auf der "Eat Raw Meat = Blood Drool" EP mit "Alone" und "Thousands Of Lovers" nur zwei davon gibt, lohnt sich diese EP allemal. Denn auch diese beiden Songs stehen ganz im Zeichen des 80er Jahre Synthie-New Waves der letzten Platte "In This Light And On This Evening". Schön düster, aber mit genügend Glamour! Von "Eat Raw Meat = Blood Drool" gibt es dann insgesamt vier Versionen, die aber auch kaum langweilen, denn erstens handelt es sich ja um einen richtig guten Song und dann gibt es recht unterschiedliche Versionen. Besonders schön ist die Acoustic-Version, die für den brauchbaren Radiosender Studio Brüssel eingespielt wurde. Im Kontext der sonst fett aufgetragenen Synthie-Klänge, stellt diese Version mal eine echte Abwechslung dar. Sehr schön!


Gatorface
Wasted Monuments
No Idea Records
Nicht schlecht, im Gegenteil, eigentlich richtig gut, können Gatorface leider mit den Dirty Tactics nicht ganz mithalten. Dennoch ist "Wasted Monuments" eine für No Idea Records würdige Veröffentlichung. So spielen Gatorface ebenso einen sehr dynamischen und energetischen Postcore wie die Dirty Tactics, nur etwas vorhersehbarer und einfacher gestrickt. Die Band aus Orlando, die aus der New Mexican Disaster Squad hervorgegangen ist, spielt jedoch nicht den typischen Florida/Gainesville Sound, sondern eher einen Sound in Richtung Skate-Punk der kalifornischen Spielweise, gepaart mit Emotionen und weniger Fun. Das Ganze klingt dann wie NOFX auf Emo, was sich echt gut anhört - hätte ich selbst nicht zu denken gewagt. Gatorface werden vielleicht nicht gleich die neue Lieblingsband, sind dennoch ziemlich geil!


I Heart Hiroshima
The Rip
Cargo
Yep, das ist ja mal wahrlich schicke Musik. Es tut nichts weh, es fühlt sich einfach nur gut an. I Heart Hiroshima versprühen eine Leichtigkeit, wie sie nur wenige Bands hinkriegen. Vielleicht liegt es daran, dass das Trio nur mit zwei Gitarren und Schlagzeug, also ohne grollenden Bass spielt. Da klingt die Mischung aus Post-Core, Disco-Punk und Indie-Rock so richtig luftig frisch. Wechselnder Frau/Mann-Gesänge krönen das Ganze noch und erinnern dann an erstklassige Bands wie Monocrome oder Pretty Girls Make Graves. Denn "The Rip" sprüht nur vor Verspieltheit, harmonischen Melodien und schrägen Ideen. Wäre ja gelacht, wenn die Band aus Australien nicht auch in Europa endlich etwas angesagter wäre, was?


Knut
Wonder
Conspiracy Records/Cargo
Uiuiuiuiui! Das ist aber ganz harter Stoff. Doom, Metalcore, Noise-Rock, was auch immer. Irgendwo dazwischen liegt die Musik von Knut aus Genf. Für Freunde von Isis oder The Winchester Club wird das neue Knut Album "Wonder" mit Sicherheit etwas sein. Meins ist es jedoch nicht so richtig, da zu Metal-lastig!


Kommando Sonne-nmilch
Pfingsten
Major Label/Broken Silence
Juchu, es fängt mit einer ziemlich coolen Dub-Nummer an und man meint schon fast, dass Jens Rachut nun ganz neue Wege eingeschlagen hat. Doch danach geht es so weiter wie immer eigentlich: krachend, noisig, schräg, punkig, monoton, dynamisch. Irgendwie wie immer, aber auch nicht so richtig, denn keine Kommando Sonne-nmilch Platte gleicht irgendwie der anderen. Auch wenn der Pressetext meint, dass die letzten beiden Alben gradliniger sein sollten, empfinde ich "Pfingsten" dann doch etwas eingängiger. Es gibt hier richtige Hits, richtig Melodien, die im Ohr hängen bleiben und dort auch verweilen. Vor allem "Bubenglück" ist da so ein Hit, der auch aufgrund seiner höchst aktuellen Thematik ein Punkrockklassiker werden könnte, werden sollte. Wurde auch Zeit, dass sich der Punkrock der Kirchenmissbrauchskacke annimmt. "Pohl hat's gerettet" oder "Satellitenhirte" sind nur zwei der zahlreichen weiteren hitverdächtigen Songs. Bin ja mal gespannt, wie lange Jens Rachut nach dieser richtig großartigen Platte Kommando Sonne-nmilch noch betreibt. Bisher hat ja keine seiner Bands sehr lange bestanden. Ich würde mir jedenfalls noch ein paar weitere Alben wünschen…


Leatherface
The Stormy Petrel
Major Label/Broken Silence
Diese Platte sollte ja mittlerweile jeder Leatherface Fan in seinem Regal stehen haben, kam sie doch schon im April raus. Und ich habe das Teil nun auch schon fast so lang bei mir direkt neben der Anlage liegen, denn auch nach etlichen rauf und runter spielen, wird "The Stormy Petrel" an keiner noch so winzigen Stelle nur ansatzweise langweilig. Mit dieser Platte haben sich Leatherface mal wieder selbst übertroffen, kommen mit Songs wie "God is Dead", "Broken" oder "Diego Garcia" an alte legendäre Gassenhauer der "Mush" und "Minx" Phase heran. Dabei wirkt "The Stormy Petrel" insgesamt etwas ruhiger und gediegener als noch die letzten Vorgänger, sodass sich hier mit "Broken" eine melancholische Midtempo Nummer befindet, die dem alten Überhit "Not Superstitious" locker das Wasser reichen kann. Was die alten Punkrocker Frankie Stubbs und Dickie Hammit mit ihren jungschen Kollegen hier fabriziert haben, könnte glatt als Meilenstein der nordenglischen Punkrocker eingehen. Düster, melancholisch, verraucht, aber auch mit der nötigen Prise Energie und Leidenschaft sind Leatherface hier rangegangen. Also, nichts mit Punkrock-Altersheim. Und wer die Band im April auf Tour erleben durfte, weiß eh, dass sich die neuen Songs nahtlos ins Leatherface Gesamtkonzept einfügen, falls es so etwas überhaupt gibt. Klassiker!!!


Male Bonding
Nothing Hurts
Sub Pop/Cargo
Ich bin entzückt! So etwas hört man heutzutage nicht mehr oft und da passt es auch ganz gut, dass Male Bonding mit ihrer altgedienten Musik auf Sub Pop, einem altgedienten Label, gelandet sind. Lo-Fi Punk wird die Musik von Male Bonding bezeichnet, ich würde es auf eine gelungene Mischung aus Bubblegum-Pop-Punk und trashigen Garage-Punk konkretisieren. So hört sich "Nothing Hurts" teilweise wie eine schrammelige Version der Hard-Ons oder Chemical Brothers an. Hört euch mal die Songs "All Things This Way", "Weird Feelings" oder "Nothing Remains" an und dann soll einer behaupten, dass ihn der Gesang, die Melodien oder die Harmonien nicht an die altehrwürdigen Hard-Ons erinnern. "Nothing Hurts" ist übrigens das Debütalbum einer Band, die wahnwitzig alt klingt, aber keinesfalls altbacken oder angestaubt. Und dass das Trio aus England kommt, hätte man sich auch denken können. Auch wenn die Parallelen nicht direkt auf der Hand liegen, kann man doch dezente englische Wurzeln der Marke Mega City Four, HDQ oder Snuff erkennen. Tolles Album!


Melvins
The Bride Screamed Murder
Ipecac/Soulfood
Langsam kommt mir der Verdacht, dass die Melvins als die Band mit den meisten Alben ins Guinness Buch der Rekorde aufgenommen werden wollen. Das wievielte Melvins Album ist "The Bride Screamed Murder" mittlerweile? Schwer zu sagen; was jedoch gesichert ist, ist die Tatsache, dass "The Bride Screamed Murder" das dritte Album in der Quartett-Konstellation mit zwei Schlagzeugern ist. Neben King Buzzo und Dale Crover sind ja seit einiger Zeit die beiden Big Business Leute Coady Willis und Jared Warren mit am Start. Und in Sachen Rhythmik und Beat sind die Melvins in dieser Formation kaum zu schlagen. Das fängt schon im Opener "The Water Glass" mit seinen Indianer-Rhythmus an und geht über "Evil New War God" mit abgehackten Fill-Ins weiter. Ach, "The Water Glass" ist eh der Überhammer, gesellen sich hier zum groovenden Rhythmus noch an GI-Gesänge erinnernde Chöre. Das Ganze hat dann etwas Adam Ants auf Doom! Tja, was soll man noch weiter zu den Melvins schreiben, außer, dass man heilfroh für das Musikbusiness sein kann, dass die Band halt gibt. Jeder, der die Melvins kennt und zu schätzen weiß, kann davon ausgehen, dass die Band sich auf "The Bride Screamed Murder" eh mal wieder selbst übertroffen hat. Zauberhaft!


Sweet Apple
Love & Desperation
Tee Pee Records/Cargo
Das ist Power-Rock. Das hat Energie, pure Kraft und verdammt viel Ausdauer. Selten wurde in letzter Zeit Rockmusik so gekonnt auf den Punkt gebracht, wie auf "Love & Desperation". Hört euch nur mal den wahnsinnig krachenden Opener "Do You Remember" an und ihr wisst, was ich meine. Man könnte meinen, dass bei "Sweet Apple" ein paar Jungspunde am Werk sind, die noch zu viel Testosteron und Aggressionen in sich haben. Aber weit gefehlt, denn bei den Musikern von Sweet Apple handelt es sich im wahrsten Sinne des Worte um graue Eminenzen des Indierock: Neben Herren von Cobra Verde, Guided By Voices und Witch ist hier kein Geringerer als J Mascis von Dinosaur Jr mit am Start. Schweinerock, Seventiesrock, Grungerock, Indierock… Sweet Apple rocken sich durch die letzten Jahrzehnte härterer Musikgeschichte, ohne dabei den roten Faden zu verlieren. Ab und an streut J Mascis noch eines seiner typischen Gitarrensoli ein, singt mal ein bis zwei Zeilen, hält sich ansonsten aber dezent zurück, sodass der Dinosaur Jr Anteil kaum auffällt. Ganz große Rockrevue!


Ted Leo And The Pharmacists
The Brutalist Bricks
Matador/Cargo
Vor einer halben Ewigkeit habe ich Ted Leo And The Pharmacists mal im Vorprogramm der Weakertahns gesehen und damals hat mich der Ted nicht besonders umgehauen. Zu unpassend wirkte sein wilder Hippie-Rock als Support für die wundervoll entrückte Musik der Weakerthans. Nun, einige Jahre später hat mich Ted Leo dann doch noch gekriegt. Schuld daran ist sein großartiges neues album "The Brutalist Bricks", dass zwei bis drei Durchgänge benötigt, bis es dann zündet. Oh Mann, da sind so einige Ohrwürmer und hängenbleibende Melodien drauf. Gewildert wird hier vor allem im Hippierock der 60er, im Glamrock der 70er und im New Wave Punk der 80er. Klingt nach einer ganz wirren Mischung? Ja, aber Ted Leo And The Pharmacists gelingt es, eine eingängige und mitreißende Einheit daraus zu zaubern. Große Klasse!


TV Smith
Sparkle in the Mud
Rookie/Boss Tuneage/Cargo
"Schon wieder ein neues TV Smith Album?" kam mir als erstes in den Sinn, als ich "Sparkle in the Mud" in den Händen hielt. Dann schob ich die CD in den Player und dachte, dass sich TV Smiths Stimme mittlerweile wieder verdammt jung anhört und auch das Songwriting wieder mehr an seine alte Zeit bei den Adverts erinnert. Ungläubig nahm ich dann nochmals die Hülle in die Hand und sah dann das Kleingedruckte. Kommt davon, wenn man sich manchen Sachen nur mit einem Auge widmet, steht doch im Untertitel klipp und klar: "Unreleased Songs And Demos Volume One: 1979-1983". Soso, das hätten also alles Adverts Lieder werden können, wenn sich diese grandiose englische Punkband damals nicht aufgelöst hätte. Und es wären verdammt gute Songs geworden, denn die spartanisch arrangierten Lieder wie "Be Brave" oder "Open Up Your Heart" versprühen diesen eingängigen und melodischen TV Smith Charme der frühen Tage. Einiges wurde solo nur mit Klampfe eingespielt, manchmal gab's auch eine Drum-Maschine und hin und wieder eine komplette Band. Und so ist "Sparkle in the Mud" wohl nicht nur etwas für Fans des Altpunkers, sondern einfach ein gutes Singer/Songwriter Album, von dem sich manch junger Klampfenheini noch etwas abschauen könnte.


Young Livers
Of Misery And Toil
No Idea Records
Es geht hier ähnlich fulminant los wie auf der ersten Fucked Up Scheibe "Hidden World" und verliert im Laufe der Zeit kaum an Energie und Fulminanz. Die Young Livers aus Gainesville hauen uns mit "Of Misery And Toil" eine wuchtige Postcore Scheibe um die Ohren, die das Prädikat "Gainesville" wahrlich verdient hat. Und nicht umsonst sind die vier Amerikaner dann auch auf No Idea Records gelandet. Mit Referenzen wie Drive Like Jehu, Big Business oder auch Fugazi preist uns der Pressetext die Musik der Young Livers an, wobei die Band wirklich dick in Sachen Hardcore aufträgt. Das erinnert dann wie schon erwähnt an Fucked Up oder auch die alten Offenders und sogar Smoke Blow kam mir in den Gedanken, obwohl die Young Livers wohl bestimmt noch nichts von den Kielern gehört haben, unterstelle ich an dieser Stelle mal. Dennoch kann man hier sehr fein die gemeinsamen Wurzeln heraus hören. Da unterscheidet sich Gainesville nicht so stark von Kiel…