Atomic Coming Up From The Streets
Rookie Records/Cargo
Die Frisuren auf dem Cover und der abgewetzte Lederball auf der Rückseite bringen die Musik von Atomic perfekt auf den Punkt: es geht hier um England. Die Band aus dem Bayrischen Wald klingt so gekonnt nach Power-Pop, Beat, Sixties, Garage und Mod, als ob sie im Schatten von Old Trafford groß geworden wäre. Diese verschiedenen Genres werden auf Atomics zweitem Album "Coming Up From The Streets" (Oi! Oi!) von einem gewissen Popappeal zusammengehalten, den so einige junge Garagerock- und Beatkapellen heutzutage gerne nutzen. Das geht dann in Richtung solcher Bands wie The Carnation, Hushpuppies, Trashmonkeys (die sind nicht mehr ganz so jung) oder The Cheeks. Doch, das gefällt!
Bedford Falls Savings & Loan
Boss Tuneage Records/Cargo
Wo kommen eigentlich all diese ganzen fantastischen, britischen Post-Core Bands her? Ist das noch normal? Die walisische Band Bedford Falls reiht sich mit ihrem ersten Album "Savings & Loan" nahtlos in die Reihe neuer britischer Bands wie Tribute To Nothing, Milloy, Bullet Union oder Chillerton ein. Obwohl man dazu sagen muss, dass Bedford Falls eher zu den ruhigeren Vertretern dieses Genres gehören - und zu den amerikanisch klingenden. Da wo man bei den eben genannten Bands den Einfluss britischer Bands wie Snuff, Perfect Daze und vor allem Leatherface raushören kann, gehen die Bedford Falls hin und huldigen amerikanischen Bands der späten 80er und frühen 90er Jahre.
Der grandiose Opener "Who's Coat Is That Jacket" klingt stark nach All, "Paperbacks" oder auch "Temperancetown" erinnern an Bob Moulds Sugar und der überwiegende Teil der Platte, also Lieder wie "Slowdancing", "Astro City 0.5", "Universally Challenged" oder "A Brand New Way To Drown", könnten auch Lemonheads-Klassiker der "It's A Shame About Ray"-Phase sein. Auch Bands wie Buffalo Tom, die Replacements oder die guten, alten Moving Targets werden für den Sound der Bedford Falls Paten gestanden haben.
Da stellt sich also bloß noch die Frage: Wo erscheint solch eine großartige Platte? Natürlich, beim geschmacksicheren Label Boss Tuneage Records. Es sollte ja schon lang kein Geheimnis mehr sein, dass man Alben, auf denen Boss Tuneage steht, blind und vorher ungehört kaufen kann. Man kann da einfach nicht viel falsch machen. Die CD gibt es übrigens im speziellen Vinylplatten-Design.
class="ueberschrift">Beehoover Heavy Zooo
Exile On Mainstream Records
Beehoover soll ein bloß ein Duo sein? Wenn ich es nicht selbst schwarz auf weiß im Pressetext gelesen hätte, ich hätte es nicht geglaubt, denn die Musik von Beehoover hört sich so an, als ob mindestens fünf Leute daran beteiligt sein müssen. Doch das zweite Album "Heavy Zooo" wurde, man kann es kaum glauben, angeblich nur mit Bass und Schlagzeug eingespielt. Und was da bloß mit diesen zwei Instrumenten und einer voluminösen Stimme, die teilweise an Keith Caputo oder auch an King Buzzo erinnert, möglich ist, ist ziemlich starker Tobak.
Beehoover spielen eine sehr abwechslungsreiche und kreative Mischung aus Doom-, Noise-, Post- und Stone Rock. Dass die beiden Herren aus Esslingen dabei ziemliche Könner ihres Faches sind, dokumentieren die zahlreichen halsbrecherischen Wechsel, Breaks und Wirbel. Die Musik ist jedenfalls schwer zu kategorisieren, da sich die beiden Jungs keinen Deut um Schubladen und Konventionen scheren. Leute, die auf Bands wie The Hidden Hand, Jud, Clutch, Neurosis, Pothead, Kyuss oder die Melvins stehen, könnten auch Beehover ziemlich gut finden. Man weiß es halt nicht so genau.
Boris Smile
Southern Lord/Soulfood
"Japan, Japan, Motorrad aus Fujiland" sang einst Frank Z von Abwärts. Und genau so krank wie der Text dieses Liedes ist, ist auch das neue Album der Band Boris, die, man würde nur anhand des Bandnamens kaum drauf kommen, eben aus Japan stammt. So ganz unbekannt dürfte die Band nun auch wieder nicht sein, haben Boris doch mit den Doomrock-Helden Sunn0))) zusammen eine Platte rausgebracht. Nun gibt es mit "Smile" wieder ein eigenes Album, wobei aber ein Kollege von Sunn0))) mit seiner Gitarre ab und an helfend zu Seite stand.
Besonders der erste Song "Flower Sun Rain" hat mich vollkommen überzeugt. Dieser balladeske Doomrock-Song klingt so traurig und abgedreht, der könnte auch als Soundtrack für einen Manga-Film oder japanischen Film Noir durchgehen. Danach geht es dann mächtig zur Sache. Da gibt es dann eine ganz schräge Mischung aus Power- und Trashmetal mit fast schon schmerzhaften Gitarrensoli. Das klingt jedoch alles irgendwie nach Fake und comichafter Karikierung. Man bekommt den Eindruck, dass Boris sich selbst und den ganzen Metalbetrieb nicht ganz so ernst nehmen und im Studio bestimmt viel zum Lachen hatten, was man als Metalmusiker eigentlich nicht darf - man muss ja immer böse sein. Doch, wenn Metal so klingt wie bei Boris, könnte ich mich mit dieser Musik auch wieder versöhnen.
Bubonix Capsaicin
Nois-o-lution/Indigo
Oh Mann, das ist aber ein ganz harter Brocken. Irgendwie haben es Bubonix geschafft, ein ganz schwieriges Album zu produzieren. Einerseits ist man irgendwie begeistert, andererseits dann aber auch irgendwie genervt. Genie und Wahnsinn liegen manchmal ja bekanntlich ganz nah beieinander. So wie früher bei Mario Basler.
Die Bubonixe spielen auf "Capsaicin" eine ganz verrückte Mischung aus Hardcore, Metal, Punk, Electronic, Prog-Rock und Screamo. Ja, das liest sich ganz schön wüst - klingt auch so. Irgendwie ist die Band aus Limburg ganz schwer zu packen. Da gibt es mal eingängige Songs oder auch nur Songfragmente, die zum Beispiel an Smoke Blow erinnern, dann gibt es ganz schräges Gekreische, so Blood Brothers-mäßig und es gibt auch total abgefahrenes Zeug, dass keinen Vergleichen standhält. Schwer zu sagen, ob ich "Capsaicin" weiter empfehlen würde, es könnte nämlich passieren, dass mich derjenige, dem ich das empfohlen habe, entweder umarmt und herzt oder mir aber auch das Album um die Ohren haut. Schwierig, schwierig.
Death & Taxes Tattooed Hearts & Broken Promises
I Scream/SPV
Auch wenn der Death & Taxes Frontman Jeff Morris früher Mitglied der Bruisers war und aus dem Umfeld der Dropkick Murphys kommt, hat die Musik auf "Tattooed Hearts & Broken Promises" wenig mit Punkrock zu tun, sondern viel mehr mit WDR2-kompatibler Musik. Wenn gestandene Punkrocker plötzlich versuchen einen auf Singer/Songwriter zu machen und dann melancholische Americana- und Country-Musik spielen, ist das Ergebnis selten so gut wie bei Hot Water Musics Chuck Ragan.
Death & Taxes spielen hingegen zwar recht solide, aber auch nicht besonders herausragend. Das Trio aus Boston klingt für meine Verhältnisse etwas zu uninspiriert und belanglos. Zudem knödelt der Sänger Jeff Morris zu viel. Es gibt bestimmt eine Menge Leute, die auf diese Art Musik stehen, ich bin hier aber spätestens nach dem vierten Song raus.
Dome La Muerte And The Diggers st
Go Down Records/Radar
Yes, so muss guter Rock'n'Roll klingen! Dome La Muerte And The Diggers spielen auf ihrem selbstbetitelten, neuen Album eine unglaublich mitreißende Mischung aus Punk, Garage und 60ties Rock. Das klingt dann so, als ob Rudi Protrudi, Keith Richards und Hank van Helvete zusammen eine Band gründen würden und dann auch noch der Iggy mit 'ner Kiste Bier vorbeikommt. Einfach geil!
Rudi Protrudi, seines Zeichens Sänger der legendären Fuzztones, ist sogar auf drei Songs als Gastmusiker vertreten. Da weiß man also, was man hat, auch wenn es manchmal so Lombego Surfers-mäßig rumpelt und holpert. Das versprüht ja auch einen gewissen Charme. Und wenn dann noch die Bassistin Lady Casanova wie bei "Demons" oder "Heart Ful Of Soul" die Backingvocals übernimmt, ist der Hit schon fast perfekt. Man kann sehr schnell erkennen, dass es sich bei Dome La Muerte And The Diggers um keine Anfänger mehr handelt. Die Bandmitglieder sind schon seit Jahren in der Rock'n'Roll-Szene aktiv, so wie Bandleader Dome La Muerte, der bei CCM, die ja von Jello Biafra produziert wurden, gespielt hatte. Die Band weiß, wie man sehr gute Songs schreibt, die einerseits rocken wie Bolle, andererseits auch über ein songschreiberisches 0815-Schema hinausgehen. Klasse! Einziges Manko der Platte: Das schon fast totgecoverte "Cold Turkey".
Claus Grabke Deadly Bossanova
Nois-o-lution/Indigo
Ich fand ja die Crossover-Band Thumb irgendwie immer kacke, sodass ich ein wenig Angst bekam, als ich das neue Solo-Album des Thumb-Typens Claus Grabke in den Händen hielt. Oh Mann, das sollte ich mir nun anhören und zu allem Überfluss auch noch rezensieren? Das Leben kann manchmal ganz schön hart sein, dachte ich mir dann und war umso positiver überrascht, was mir Claus Grabke mit seiner Band auf "Deadly Bossanova" präsentierte.
Wow, "Deadly Bossanova" ist ein wirklich mächtiges, triefendes und fieses Rockmonster, das einen bei der richtigen Lautstärke fast zermalmen kann. Und bei dem Begriff "Rockmonster" meine ich jetzt kein Album, dass einfach nach Schema F eingespielt wurde. Allein schon die Existenz des 8-minütigen Kraftwerk-Covers "Radioactivity" bezeugt, dass man es hier einerseits mit einem verdammt rockigen Album zu tun hat, es andererseits jedoch auch verdammt sperrig und experimentell sein kann - aber immer hart und aggressiv. Manchmal fehlen einem da einfach die Worte. Irgendwie klingt "Deadly Bossanova" manchmal nach Monster Magnet, John Spencer oder auch den White Stripes, irgendwie aber auch wieder nicht. Es ist ziemlich schwer in Worte zu fassen. Ist doch immer wieder witzig, wie man sich in manchen Musikern und Bands irren kann. Daumen hoch.
The Hellacopters Head Off
Wild Kingdom/Rough Trade
Ha, ist das ein Spaß: Die neue und definitiv letzte Hellacopters Platte ist ein reines Coveralbum und kaum einer kriegt das mit. Ist ja auch gemein, dass die Band diesen Umstand bis zur Veröffentlichung Geheim gehalten hat und auch im Pressetext kein Sterbenswörtchen dazu verloren wird. Da macht es richtig Freude, sogenannte Rockmusik-Fachzeitschriften - teilweise auch Käseblätter genannt - durchzublättern, um zu gucken, welcher "Rock'n'Roll-Fachmann" auf diesen Coup hereingefallen ist. Da ist dann die Rede von einem grandiosen letzten Werk der Hellacopters mit diesem unglaublichen Hellacopters-Hit "Midnight Angels", der in Echt von den Peepshows ist, und keiner von denen erwähnt die Tatsache, dass es sich hierbei um Coversongs handelt. Thema verfehlt, sechs, hinsetzen!
Auf der anderen Seite gibt es dann natürlich die Superchecker, die dann total stolz wie Bolle sind, weil sie "zum Glück den Schwindel aber natürlich sofort bemerkt" haben. Wie auch immer - das ist auch eine verdammt harte Nuss, die die Hellacopters den Musik-Rezensenten da aufgegeben haben. Wenn nicht gerade jeweils ein Song meiner All Time Faves von den New Bomb Turks ("Veronica Lake") und Dead Moon ("Rescue") dabei wäre, dann wäre ich wohl auch auf diese falsche Fährte herein gefallen. Aber jeder Rezensent, der ernsthaft für eine Rockzeitschrift schreibt, sollte doch zumindest einen Song der drei eben genannten Bands oder von den Humpers oder den Gaza Strippers oder den BellRays erkennen. Sollte man zumindest meinen.
Die Musik auf "Head Off" ist, so wie es sich für ein Hellacopters Album gehört, einfach nur verdammt gut. Es ist teilweise richtig schwer aus den Coverversionen die Originale zu erkennen, so stark drücken die Hellacopters diesen Songs ihren eigenen Stempel auf. Man fühlt sich teilweise in die glorreichen "Payin' The Dues"-Zeiten zurückversetzt. Gecovert werden ja nicht unbedingt die großen Klassiker, sondern eher kleinere Bands, die entweder zu Anfangszeiten der Hellacopters deren Wege öfters mal gekreuzt haben oder denen die fünf Schweden auch einfach nur mal ihre Aufwartung erweisen wollten. Da gibt es alte Schwedische Weggefährten wie die Demons, The Turpentines, The Robots, The Maharajas oder The Royal Cream, die man ja teilweise vom legendären "Swedish Sins" Sampler her kennt. Und da es nicht nur in Schweden/Skandinavien abgefuckte und eigenwillige Rock'n'Roll Musik gibt, sondern auch in Australien, gibt es auch insgesamt drei Songs aus Down Under von Asteroid B-612, The Yes-Men und den Powder Monkeys. Also, allein schon die Liste der gecoverten Bands zeugt von Stil und Geschmack. Tolles Album!
I Walk The Line Black Wave Rising
Rookie Records/Cargo
So richtig will diese Band bei mir nicht zünden, fand ich doch, dass das letzte Album "Desolation Street" schon etwas uninspiriert heruntergedudelt klang. Mit dem neuen Album "Black Wave Rising!" können mich I Walk The Line zwar auch nicht vom Schreibtischstuhl hauen, aber man kann dem Album dann doch ein paar positive Aspekte abgewinnen. Die Finnen geben sich meines Erachtens mittlerweile mehr Mühe und versuchen ausgefeilter und abwechslungsreicher zu klingen. Da bekommt der melancholische Punkrock einen kleinen Folk-Touch, der ihn dann stark an New Model Army erinnern lässt. Doch vor allem dieser 80er Orgelsound und ein dezenter New Wave-Touch können dann besonders überzeugen. Man muss dieses Album einfach oft genug hören, um sich damit anzufreunden.
Less Than Jake Peoples History Of Less Than Jake DVD
Cooking Vinyl/Indigo
Letzten Monat wurden drei wiederveröffentlichte Less Than Jake Alben mit jeweiliger Bonus-DVD rezensiert, nun habe ich endlich die Zeit gefunden, die reguläre DVD dieser Veröffentlichungswut der Band aus Florida anzuschauen. Auf "Peoples History Of Less Than Jake" gibt es eine ganze Menge Live-Material, alte und neue Aufnahmen, einen Video-Clip, viele Fotos mit merkwürdigen Verkleidungen und dubiose Interviews. Dabei lässt die Bild- und Tonqualität der älteren Live-Aufnahmen hin und wieder zu wünschen übrig, was ja irgendwie auch normal ist. Daneben ist die Qualität des kompletten, aktuellen Live-Mitschnittes sehr gut.
Und natürlich ist die ganze Chose sehenswert, sind die Jungs von Less Than Jake doch wahre Clowns und schrecken ja auch vor keiner Peinlichkeit zurück. Da gibt es spaßige Verkleidungen, Wrestling-Bühnen, Feuerspuckshows, brennende Drumsticks, Konfettikanonen, Tennissocken, ellenlange Ansagen und kranke Grimassen. Was jedoch die Omas im Hintergrund auf der Bühne zu suchen haben, bleibt mir ein Rätsel. Oder sind das gar die Groupies?
Little Annie & Paul Wallfisch When Good Things Happen To Bad Pianos
Durtro Jnana/Cargo
Paul Wallfisch - dieser Mann macht musikalisch wohl nie etwas falsch, spielte er doch früher das Keyboard für die grandiose Band Firewater und ist nunmehr Frontman der noch einen Ticken grandioseren Botanica. In Sachen kreativer und anspruchsvoller Indie-Musik macht dem New Yorker, der wohl mehr auf Reisen ist als in seiner Heimatstadt, so schnell keiner was vor. Mit Little Annie zusammen, die man vielleicht von Kollaborationen mit Antony von den Johnsons her kennt, kreierte der Herr Wallfisch nun ein ganz besonders gefühlvolles Stück Piano-Musik, dass irgendwo zwischen Jazz und Barmusik verortet werden kann. Little Annies dunkle, teilweise raue und kräftige Stimme harmoniert dabei besonders gut mit dem gelassen und gediegen gespielten Pianosounds von Paul Wallfisch. Und Paul Wallfisch wäre nicht umsonst einer der kreativsten und verrücktesten Musiker unserer Zeit, wenn nicht das ein oder andere Instrument den Pianoklang noch begleiten oder unterstützen würde. Von Blasinstrumenten, über E-Gitarre bis hin zu Wallfischs Spielzeug-Klavier werden hier so einige Abwechslungen erzeugt.
Ach ja, bevor ich es vergesse, kehren wir nochmals zum ersten Satz dieser Rezension zurück. Wenn man Paul Wallfisch etwas Böses wollte, könnte man behaupten, indem er auf "When Good Things Happen To Bad Pianos" Tina Turners "Private Dancer" und U2's "I Still Haven't Found What I'm Looking For" covert, dass er hier musikalisch dann doch mal eine Kleinigkeit falsch gemacht hat: Diese beiden Lieder darf man eigentlich nicht ernsthaft covern! Unterm Strich bleibt dennoch ein sehr positiver Eindruck übrig. Schönes Album!
Tom Mansi & The Icebreakers Love On The Rails
Kartel/Rough Trade
Oh Mann, fast wäre diese CD m Giftschrank verschwunden, steht doch auf dem Waschzettel "file under: Blues Rock", und Tom Mansi & The Icebreakers hätten es nie in dieses kleine Online-Fanzine geschafft. Dann dachte ich plötzlich, dass das Cover-Artwork doch recht ansehnlich geraten ist und gab dem Album "Love On The Rails" eine Chance. Tja und diese kleine Chance hat die Platte dann wohl genutzt. So klingen die Icebreakers aus London trotz des Blueseinflusses dann doch nicht nach Juso-Sommerfest oder billigen Blues Brothers-Sound, sondern eher nach dunkler und dreckiger Rock'n'Roll-Spelunke. Abwechslungsreicher Rockabilly mit Keyboard und Kontrabass trifft hier auf eine staubtrockene Tom Waits-Stimme.
Oiro Vergangenheitsschlauch
Flight 13/Broken Silence
Blöder Bandname, geile Band. So einfach und kurz könnten Rezensionen sein. Aber so einfach mache ich euch es nicht, denn ich werde noch ein wenig weiter schreiben und ihr könnt also weiter lesen oder wegklicken - vielleicht auf bild.de oder so.
Also mal ehrlich, Oiro ist ja ein ähnlich selten blöder Bandname wie Broilers oder Hakle Foicht (die Band gab es wirklich mal, hier in Aachen). Umso besser sind dann aber die Album- und Songtitel der Band. Schon allein den Name der letzten Platte muss man sich auf der Zunge zergehen lassen, und das am Besten zwei, drei Mal hintereinander: "Als was geht Gott an Karneval". Auch auf "Vergangenheitsschlauch" gibt es den ein oder anderen designierten Klassiker in Sachen Songtitel: "Immer besetzt beim Guiness Buch", "Schlafschach", "Freistoss ohne Mauer", "Regenbogen, Rot fehlt!" oder "Ist Goofy eigentlich ein Hund" mit der fantastischen Textzeile: "Warum bringen sie das nicht um Viertel nach Acht? Die bringen doch sonst jeden Scheiß, sogar die Börse."
Ach ja, die Musik. Oiro machen so einen ziemlich trendigen, düsteren, teilweise verspielten und krachenden Punkrock, der auch Fans von Oma Hans, Kommando Sonne-nmilch, Turbostaat, Muff Potter oder die Rote Suzuki gefallen wird. Und das machen sie ziemlich gut.
Rosqo No Stone Left Unturned
Gentlemen Records/Alive
Es klingt zwar etwas abgeschmackt, aber das neue Rosqo Album wächst bei jedem neuen Hördurchgang. Beim ersten Mal denkt man noch, dass "No Stone Left Unturned" ja so ganz la la ist, dann bei den nächsten zwei bis drei Durchgängen entdeckt man dann immer neue musikalische Kleinigkeiten und irgendwann, wir liegen in Sachen Hördurchgängen noch im einstelligen Bereich, hat es einen dann erwischt. Dann packt einen das Album und man möchte einfach mehr davon.
Rosqo kommen aus der Schweiz und veröffentlichen auf dem Favez-Label Gentlemen Records. Da sollte die musikalische Tendenz ja schon vorgegeben sein, also Emo-Powerpop mit viel Pathos - sollte man denken. So ist es aber nicht, denn da wo Favez gerne mal rocken und Power-Chords auspacken, gehen Rosqo hin, experimentieren und drehen auch mal die Lautstärkeregler ein wenig runter. Das Ganze nennt sich dann vielleicht Post-Rock, aber auch Alternative-Rock und Indie treibt da irgendwie mit. Die Jungs von Rosqo können spielerisch zwischen poppigen Songstrukturen und krautrockigen, unkonventionellen Strukturen gekonnt hin und her pendeln. Das erinnert dann wie bei "Distant" manchmal an ausufernde Built To Spill Lieder oder wie bei den Songs "Said" und "Delivering Coffee Machines" an The Notwist zu besten "Nook"-Zeiten. Auch hier wird immer wieder gerne mal dezent mit elektronischen Rhythmusspielereien hantiert. Lieder wie "Aaba" oder "Superschnitzel" (was für ein Titel) könnten auch Freunden schwedischer Indie-Bands wie Starmarket, KVLR oder The Crystal Committee gefallen. "No Stone Left Unturned" ist durch und durch ein höchst gelungenes Album.
Rummelsnuff Halt durch!
ZickZack/Indigo
Er ist so etwas wie der Schiffschaukelbremser der deutschen Musikszene: die Rede ist von Roger Baptist alias Rummelsnuff, der im wahren Leben Bodybuilder und angeblich Seemann ist. Deshalb wohl auch dieses Turbonegro-mäßige Matrosenoutfit. Die Musik von Rummelsnuff ist jedoch eher als EBM zu bezeichnen, also die Musik, zu der Ende der 80er Jahre gegelte Typen in Holzfällerposen getanzt haben. Electronic Body Music nannte man das dann. Doch trotz markiger Posen, hat die Musik auf "Halt durch!" nicht viel mit dem Testosteron gesteuerten Sound der damaligen Bands zu tun. Rummelsnuff klingt eher wie eine Karikatur dieser Musik. Songtitel wie "Halbstark und laut", "Sliwowitz" oder "Rummelkäpt'n" dokumentieren doch gut, dass der Rummelsnuff seine Musik und vor allem seine Texte mit einem Augenzwinkern versieht.
Die Musik auf "Halt durch!" wird vom Label dabei als Electro-Doom-Shanty bezeichnet und tatsächlich klingt das hier auf der einen Seite nach DAF, Rammstein oder Neubauten und auf der anderen Seite nach Hans Albers oder Freddy Quinn. Und wenn dann noch die 347. Coverversion von Devos "Mongoloid" erklingt, denkt man glatt, dass man es hier mit einer männlichen Ausgabe von Anne Clark zu tun hat.
Small Jackets Walking The Boogie
Go Down Records/Radar
In Sachen Rock'n'Roll hat sich die italienische Rockszene bisher immer schwer getan, man erinnere sich nur an diesen unsäglichen Italo-Pop - obwohl, wenn ich es jetzt nochmals überdenke, gab es da doch auch den ein oder anderen guten Song. Na ja, aber Italo-Rock ist ja jetzt nicht so der feststehende Begriff. Da wundert es einen, dass die Small Jackets doch tatsächlich aus Italien kommen und nicht aus Schweden, denn die vier Langhaarigen spielen einwandfreien Schweden-Rock. Zwar nicht unbedingt diesen Hi-Octane-Rock der Marke Hellacopters oder Gluecifer (OK, ich gebe es ja zu - das sind ja gar keine Schweden), sondern schön gediegenen und bodenständigen Oldschool-Rock der eher an Bands wie The Nomads oder Diamond Dogs erinnert. Also Rock, der stark in den 70er Jahren verwurzelt ist. Da wurden von den vier Italienern früher bestimmt eine Menge Rose Tattoo, AC/DC, Black Sabbath und Lynyrd Skynyrd gehört. Da gibt es dann auch mal zwischen den zahlreichen Gitarrensoli Orgel- und Mundharmonika-Klänge. Ach, bevor ich es vergesse: von den eben erwähnten Hellacopters sind bei einem Song Nick Royale und Strings als Gastmusiker vertreten.