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Die Aeronauten
Hallo Leidenschaft
Rookie Records/Cargo
Was zusammen gehört, wächst zusammen…so könnte man die gemeinsame Story von Rookie Records und den Aeronauten beschreiben. Ein höchst sympathisches Label und eine höchst sympathische Band gehören einfach zusammen. Und sangen die Aeronauten nicht vor Jahren, dass man sich im Alter immer mehr für Country-Musik interessieren würde? Natürlich ist "Hallo Leidenschaft" kein reines Country-Album und kein "American Recordings VII", dennoch nimmt dieses Element in der Musik der Schweizer immer mehr Platz ein. Aber keine Bange, es gibt immer noch genügend Soul, Beat, Indie-Rock und diese typischen Aeronauten Bläser-Arrangements wie bei "Feuer der Liebe" oder "Hahaha".
Als ganz junger Teenager bekam ich mal ein Split-Tape von GUZ und der Böse Bub Eugen in die Hand - keine Ahnung, was aus Eugen wurde; GUZ jedenfalls gründete die Aeronauten und ist immer noch der Bandleader dieser vielleicht unpeinlichsten deutschsprachigen Band. Obwohl, ein Song wie "Womunidure" dann doch recht zum fremdschämen anregt. Und dann kommt ein Song wie "Immer dasselbe" um die Ecke und alles ist wieder klar: Die Aeronauten gehören leider zu den unterbewerteten deutschen Bands. In einer gerechten Welt, hätten sie schon längst einen Echo oder den Bravo Otto gewonnen. Und wer einen Song namens "Marvin" schreibt, muss das Herz am richtigen Fleck haben…




Blakfish
Champions
Hassle/Soulfood
Frickelcore mit dezenten Screamo-Anleihen bieten uns die Engländer von Blakfish auf ihrem neuen Album an. Ist nicht neu, hat man schon tausendmal gehört, davon mindestens hundertmal besser, kann sich aber dennoch sehen und hören lassen. Fans von North Of America, Funeral Diner, Blood Brothers oder These Arms Are Snakes sollten bei "Champions" mal ein Ohr riskieren. Könnte sich lohnen…




Botanica
Who You Are
Rent A Dog/Alive
Eigentlich bin ich ja in Sachen Botanica befangen, denn ich finde diese Band eh fantastisch. Es wäre wohl egal, was Paul Wallfisch und seine Jungs und Mädels veröffentlichen, ich würde es wohl immer super finden. Aber zum Glück hat Paul Wallfisch ja einen großen Masterplan im Kopf, denn wie könnte er seine eh schon grandiose Musik von Album zu Album noch immer einen Tacken verbessern, verschönern, idealisieren? Und das, obwohl Wallfisch dieses Mal ein ganz großes Stück an Kontrolle abgegeben hat. Denn mit "Cocktails On The Moon" und "Xmas" hat auch Gitarrist John Andrews zwei wundervolle Songs beigesteuert, die auch von ihm gesungen werden und auf "You Might Be The One" singt Wallfisch zusammen mit Bassisten Dana Schechter im Duett.
Musikalisch kann man "Who You Are" aber getrost wieder im Zentrum zwischen verspieltem Indie-Rock, morbidem Bohemian-No Wave-Sound und osteuropäische Folklore verorten. Und auch ihre Liebe zu Berlin wissen die New Yorker in "Anhalter Bahnhof" wiedermal zu vertonen. Und allein der Titelsong "Who You Are" ist ein absoluter Hit, der leider viel zu kurz ist, sodass man ihn locker drei oder vier Mal hintereinander hören möchte. Ein absoluter Traum!




Built To Spill
There Is No Enemy
ATP Recordings/Indigo
Lange schon nichts mehr von dieser Ausnahmeband aus Idaho. Was habe ich diesen schrägen, verspielten und melodischen Indie-Rock Sound von Built To Spill vor etwa zehn Jahren geliebt. Platten wie "Perfect From Now", "Keep It Like A Secret" oder "Ancient Melodies Of The Future" liefen bei mir rauf und runter. Irgendwie habe ich die Band um Leader Doug Martsch, der vorher die ebenfalls von mir höchst geschätzte Band Treepeople betrieb, danach leider aus den Augen verloren, um jetzt wieder vollkommen begeistert vom Sound auf "There Is No Enemy" zu sein.
Großartig verändert hat sich der Sound von Built To Spill zwar nicht, aber dennoch ist "There Is No Enemy" kein bloßer Abklatsch alter Großtaten. Dafür ist die Musik von Built To Spill zu eigenständig, zu dezidiert, zu komplex, zu großartig. Irgendwie ist zwar alles beim Alten geblieben, irgendwie aber auch wieder nicht. Auch wenn man einen typischen Built To Spill Sound heraus hören kann, gleicht kein Song dem anderen, gleicht keine Melodie, der anderen. Für Leute, die Built To Spill noch nicht kennen und mit der eben erfolgten Beschreibung nicht viel anfangen können, wage ich es trotzdem mal, Built To Spill mit anderen Bands zu vergleichen: Pavement, Sonic Youth, Dinosaur Jr., Yo La Tengo, Love Battery oder eben Treepeople, dessen etwas punkiger Sound langsam auch wieder bei Built To Spill Einzug hält - hört euch nur mal "Pat" an!




C.Aarmé
World Music
Noisolution
Was für eine Überraschung! Ich hätte fast wetten können, dass sich diese sehr vielversprechende Band mittlerweile aufgelöst hat. Nachdem C.Aarmé 2003 auf - hört, hört - Burning Heart Records veröffentlichte und diese Band eigentlich das Zeug dazu hatte, über einen kleinen Szeneliebling hinaus zu wachsen, kam dann alles ganz anders. Von den Kritikern geliebt, vom Publikum stark missachtet, stellte sich gerade außerhalb Schwedens der Erfolg nicht ein und Burning Heart Records veröffentlichte das ebenfalls fantastische Nachfolgewerk "VITA" 2006 nur in Skandinavien. Damals habe ich mir das Album dann während eines Schweden Urlaubs besorgt. Nun, vier Jahre später haben die Schweden endlich ein neues Album aufgenommen und man kann Noisolution Records nur dankbar sein, dass sie sich dieses Kleinods angenommen haben und nach Deutschland gebracht haben.
C.Aarmé machen hier alles richtig, denn auf "World Music" finden sie genau die grüne Mitte zwischen ihren ersten beiden Alben. War ihr selbstbetiteltes Debütalbum noch geprägt von einer Bass-lastigen, krachenden Monotonie, dessen Wurzeln im 80er Ami-Hardcore-Punk fußten, klang "VITA" bemerkenswert experimentell, schräg und hatte diesen düsteren 80er New Wave-Touch. Beide Stile wurden nun auf dem irreführen betitelten "World Music" gekonnt vereint. Stampfende Monotonie wurde mit schrägem Groove vereint. Aber ganz reduziert handelt es sich im Endeffekt immer noch um Hardcore-Punk der allersten Sahne. Fantastisch!!!




Dead Western
Suckle At The Supple Teats Of Time
Discorporate Records/Soulfood
Mit Dead Western haben Discorporate Records eine für ihre Verhältnisse eher ungewöhnliche Band in ihren Rooster aufgenommen. Nach all den krachenden, experimentellen und schrägen Jazz-Core Combos, gibt es hier eine düster-morbide One Man Show. Denn Dead Western ist Troy Mighty, angeblich eine Größe des Westküsten Psych-Folks, was immer das bedeuten soll. Jedenfalls zelebriert dieser Troy mit einigen Gastmusikern auf "Suckle At The Supple Teats Of Time" ganz große und gefühlvolle Musik, die an die ruhigen Momente eines Nick Cave oder Stuart A. Staples erinnert, aber auch immer wieder diesen schrägen Folk-Touch aufweisen kann. Sehr schön! Und Discorporate Leute: Daumen hoch!




The Dolly Rocker Movement
Our Days Mind The Tyme
Bad Afro Records
Ich habe seit der Bevis Frond fast nie mehr so gute Psychedelic-Rock-Musik mehr gehört. Auch wenn Bad Afro Records, deren Credo ja "Pushing Scandinavian Rock to the Man" lautet, ja eine Menge sehr guter 60ties und Psycho-Bands in Skandinavien rausbringt, wie Baby Woodrose, On Trial, Flaming Sideburns usw., mussten die Jungs aus Dänemark ihrem Motto untreu werden, um nun ein absolutes Highlight zu veröffentlichen. Denn The Dolly Rocker Movement kommen genau vom anderen Ende des Globus' aus Australien - und von da kommen ja auch immer eine Menge erstklassige Rockbands (der eifrige Independentkicks-Leser müsste Bescheid wissen).
Habe ich bisher bei den anderen Bad Afro Records immer geschrieben, dass sie sich nach Pink Floyd, Bevis Frond, Robert Wyatt, überhaupt die alte Canterbury-Szene anhören, würde ich The Dolly Rocker Movement nicht bloß einfach mit diesen Größen vergleichen, sondern die Jungs aus Sydney fast schon auf eine Stufe mit diesen alten Helden stellen. Das klingt nach wahrer Hippie-Musik, bevor sie zu einem degenerierten Müsli-Sound wurde. Space-Rock, 60ties Beat, Psychedelic, schräger Westküsten-Folk macht den Sound auf "Our Days Mind The Tyme" aus, der verdammt nach berauschten Proben und Aufnahmen klingt. Nachdem die Band schon zwei Alben auf dem qualitativ wertvollen, australischen Label Off The Hip veröffentlichte, sind die Herren der Dolly Rocker Movement soundtechnisch genau dort gelandet, wohin sie gehören - auch wenn es keine Skandinavier sind…




Dramamine
Dramamine
Sabotage Records/X-Mist
Yes, geiler Sound, der an die alte Dischord-, SST- oder Touch and Go-Schule erinnert. Ach, was heißt hier "erinnert"? Man könnte Dramamine selbst Kennern locker als eine alte Band, die auf einen der drei Labels veröffentlicht hatte, unterjubeln. Und da steht dann im Pressetext "diese junge Band aus Deutschland" und man wundert sich, wo plötzlich solche Jungs herkommen, die diesen Post-Core Sound so gut hinbekommen…
Eine kurze Recherche ergab, dass die Band zwar noch jung ist, die Mitglieder alterstechnisch wahrscheinlich auch noch, aber ganz neu im Geschäft sind sie dann auch nicht mehr. Dramamine rekrutiert sich nämlich aus Mitgliedern der Münsteraner Post-Core-Szene. Jungs von Press Gang und den Idle Hands sind da nämlich dabei. Da sollte einem ja klar sein, wohin die Reise geht. Krachender, verspielter, teilweise melancholischer 80er Hardcore-Punk mit sägenden Gitarren, den die Rites Of Spring und Graymatter damals gespielt haben und der dann später Emo genannt wurde. Supi!




Motorpsycho
Heavy Metal Fruit
Stickman Records/Indigo
Nennt mich Hippie! Nennt mich Krautrocker! Macht mir gar nix, denn ich liebe das neue Motorpsycho Album. Denn, auch wenn es typisch nach Motorpsycho klingt, unterscheidet es sich doch ganz schön von allen vorherigen Alben. Na ja, der Kenner wird jetzt sagen, dass kein Motorpsycho Album dem anderen gleicht, womit er auch Recht behält. Dennoch, irgendwie hat es das Trio aus Trondheim geschafft, sämtliche Elemente vorheriger Alben in "Heavy Metal Fruit" gekonnt unterzubringen. Das Doomige der ersten Phase ("Demon Box" und so) ist drin, das verspielt Dramatische der "Trust Us"-Phase auf jeden Fall auch, das Blümerante der beatlesken Phase ("Let Them Eat Cake", "Phanerothyme") schwingt auch immer wieder mit, und das krachend Polternde der letzten Alben ist zum Glück auch wieder dabei. Und das alles in nur sechs Liedern mit einer Gesamtspielzeit von knapp 62 Minuten - normalerweise geht so was nur beim Überraschungsei.
Nachdem ich die Band im vergangenen Herbst noch im gnadenlos ausverkauften Gebäude 9 in Köln gesehen habe, hätte man vielleicht ahnen können, wohin die Reise von Motorpsycho, auch dank des mittlerweile nicht mehr ganz so neuen Schlagzeugers Kenneth Kapstad, gehen könnte. Damals haben Motorpsycho auch ein grandios fulminantes Rockmonster mit Krach, Eskapaden und Improvisationen erzeugt. Und genau so klingt dann auch "Heavy Metal Fruit": sehr improvisiert und experimentell, aber keineswegs dilettantisch, langweilig oder inkohärent. Gitarrist und Sänger Snah hat es im Pressetext exakt auf den Punkt gebracht: "Die Songs selbst besitzen mehr kantiges Heavy Metal-Riffing, haben aber auch nette Melodien." Dafür sorgt dann aber auch die fantastische Gastsängerin Hanne Hukkelberg. Ganz großes Monumentalkino!!!




Tony Sly
12 Song Program
Fat Wreck
Dass er auch die Singer/Songwriter-Schiene drauf hat, bewies uns Tony Sly ja schon auf dem Split-Album zusammen mit Joey Cape. Hier hatte Sly ja Songs seiner Melodic-Core Band No Use For A Name ziemlich gekonnt auf Klampfen- und Barhocker-Musik reduziert. Nun, knapp über ein Jahr nachdem Joey Cape ja auch ein Soloalbum heraus brachte, kommt nun Tony Sly ebenfalls mit einem ganz ruhigen und zurückgenommenen Album um die Ecke. Auch wenn er im direkten Vergleich nicht ganz an die Klasse eines Joey Cape rankommt, ist "12 Song Program" allemal besser, als das Meiste, was in Sachen Punker-machen-jetzt-einen-auf-Neil-Young so veröffentlicht wird. Dabei gibt es eine Menge fröhlicher Songs wie "Capo, 4th Fret" oder "Via Munich", aber auch zahlreiche melancholische Lieder wie "The Shortest Pier" oder "AM", die stark an die gefühlvolle Musik Joey Capes erinnern. Im Gegensatz zu Joey Cape, der seine Songs fast ausschließlich ohne weitere Instrumente und Effekte spielt, versucht Tony Sly mit der einen oder anderen musikalischen Abwechslung etwas frischen Wind in die Sache zu bringen. Ganz großes Album!