The Accidents The Beechcraft Bonanza + Frutti di Bosco
Nicotine Records
Die Accidents sind mir schon mit ihrem 2005er Album "Poison Chalice" untergekommen und damals fand ich die Band, die unter anderem aus ehemaligen Nasum und Voice Of A Generation Mitgliedern besteht, eher bescheiden. Mit der vorliegenden EP "The Beechcraft Bonanza + Frutti di Bosco" muss ich diesen Eindruck nun revidieren, denn hier haben mich die Accidents dann doch überzeugen können. Man sollte zwar den etwas langweiligen Rockabilly-Opener "High Powered Rifle" wegklicken, um dann bei erstklassigen High Energy Punk'n'Roll und Schweinerock anzukommen. Das Ganze bewegt sich dann gekonnt zwischen Turbonegro, Motörhead, Devil Dogs und Peter And The Test Tube Babies. Doch, um einen guten Eindruck bei mir zu hinterlassen, ist es wohl nie zu spät.
Alias Caylon Follow The Feeder
Rookie Records/Cargo
Als hätte es The Mars Volta oder Sparta nie gegeben, zünden Alias Caylan auf ihrem zweiten Album "Follow The Feeder" ein Postcore- und Emo-Feuerwerk ab wie es die guten alten At The Drive-Ins auch kaum besser hätten machen können. Die Flensburger weisen mit dem gedoppelten Gesang, der teilweise in dezentes Gebrüll übergeht, melodischen Gitarrenläufen wie auf "Today I'm Leaving", einer groovigen Rhythmussektion und ausgefeiltem Songwriting erhebliche Parallelen zur eben genannten Emo-Legende aus Amerika auf. Hin und wieder kommen einem zudem Samiam und leider Gottes auch Billy Talent in den Sinn. Und mit "Repeat Offenders" gibt es als Bonus noch eine richtig coole Disco-Punk Nummer obendrauf. Wenn jetzt das "th" noch richtig geübt wird, könnten Alias Caylon das legitime Erbe von At The Drive-In antreten. Hut ab!
Black Lips 200 Million Thousand
Vice/PIAS
Letztens habe ich die Black Lips aus Atlanta noch live gesehen und es war fantastisch. Eigentlich bin ich ja wegen der Vorband, den Hara-Kee-Rees, hingegangen und plötzlich kamen die Black Lips auf die Bühne und haben alles komplett weggeblasen. Dabei gingen die vier Sunnyboys so durchgeknallt, schräg und krank ans Werk, dass man es kaum für möglich halten konnte. Und die ersten fünf Reihen vor der Bühne wurden von kreischenden und schmachtenden Mädels bevölkert. Was für ein Spaß!!!
Nun kommen die Black Lips mit ihrem fünften Album "200 Million Thousand" um die Ecke gerockt und man fragt sich, wie man mit solch einer Musik Erfolg haben kann. Muss das Spaß machen, in einer Band zu spielen, in der man jeden Quatsch machen kann, mit dem man aber dennoch erfolgreich ist. Und ich glaube, dass die vier Jungs bei den Aufnahmen im Studio verdammt viel Spaß hatten. Das hört man zumindest in jeder Sekunde dieses Albums heraus. Die Black Lips sind auf "200 Million Thousand" schön albern, kreischen wie wild herum, singen extra schief und schräg, schrammeln wie Bekloppte, spielen auch mal mit verstimmten Gitarren, mixen gekonnt Garage-Rock, Punk, Sixties, Surf sowie Soul und hauen einen Hit nach dem anderen raus. Die Black Lips agieren dabei noch cooler als The Hives und abgefuckter als Mando Diao. Für mich sind die Black Lips live als auch auf Platte das absolute nächste große Ding und wahrscheinlich die Band des Jahres. Wahnsinn!
Hard-Ons Suck And Swallow: 25 Years 25 Songs
Boss Tuneage/Rookie Records/Cargo
Oh, was habe ich diese Band früher geliebt und tue es heute eigentlich auch immer noch. Vor allem, wenn sie so eine grandiose Best-Of Zusammenstellung veröffentlichen. Die Pop-Punk-Legende Hard-Ons bringt nun mit "Suck And Swallow" nach 25 jähriger relevanter Bandgeschichte eine Werkschau heraus, die sich hören lassen kann. Darauf befinden sich so gut wie keine Metal/Noise-Songs, für die die Hard-Ons ja auch immer ein Faible hatten und haben, obwohl ich schon Songs wie "Figaro" oder "Fuck Society" schmerzlich vermisse, sondern nur ihre erstklassigen Pop-, Bubblegum- und Surf-Punk Songs. 25 Songs vom ersten Album "Smell My Finger" an bis hin zu den aktuellen Scheiben. Dabei sind solche Klassiker wie "Surfin' On My Face", "Suck'n'Swallow", "You're A Tease" (der absolute Überhit), "Where Did She Come From", "Wait Around", "Sit Beside You", "I Do I Do I Do" oder "Race Track" mit an Bord. Eigentlich bräuchte man nur die 25 Songs auflisten und jeder der auch nur im Entferntesten etwas mit Punk, Hardcore oder Noise zu tun hat, sollte wissen, dass das hier ein Stück Musikgeschichte ist. Für Einsteiger in den Hard-Ons Kosmos stellt "Suck And Swallow: 25 Years 25 Songs" eine ideale Scheibe dar. Für die ganzen alten Fans ist es toll, mal einen Haufen eingängiger Hard-Ons Hits auf einem einzigen Album zu besitzen und nicht immer die alten Platten aus dem Schrank rauskramen zu müssen - man wird ja mit den Jahren auch immer fauler. Spitzen Album!
Heartbreak Stereo Inspiration (Back From The Dead)
Rookie Records/Cargo
Aus Finnland kamen ja schon in den 80ern mit Rattus, Rystetit oder Klamydia erstklassige (Hardcore)-Punkbands her. Die besondere Wut und Aggressivität zeichnete den frühen finnischen Punk aus. Aber auch die spätere Generation mit Bands wie Manifesto Jukebox, Wasted oder Endstand wussten auf ganzer Linie zu überzeugen. Mit Heartbreak Stereo aus Pargas an der schwedischen Grenze kommt nun ein ganz junges Trio, dass das schwere Erbe des finnischen Punks antritt. Und die drei Jungs machen ihre Sache ganz gut, sind zwar nicht so wuchtig wie die 80er Jahre Bands, machen dafür aber auch in Sachen Songwriting einiges her. Rancid und die Bombshell Rocks spielen hier die großen Vorbilder. Solides Debütalbum.
Hjaltalín Sleepdrunk Seasons
Haldern Pop Recordings/Cargo Records
Island ist ja immer wieder ein Garant für musikalische Entdeckungen und Innovationen. Meistens handelt es sich dabei ja auch eher um melancholische und düstere Spielarten der Musik - mit Hjaltalín haben wir aber eine Band, die eher auf der sonnigen und fröhlichen Seite der Musik steht. Wobei der Begriff "Band" da auch nicht ganz zutreffend ist, denn Hjaltalín bestehen aus insgesamt acht Mitgliedern. Also Big Band Musik mit Gebläse und weiteren für Rock eher untypischen Instrumenten wird einem hier geboten. Das Plattenlabel bezeichnet das als "Kammer-Pop Orchester" und was immer das auch bedeuten soll, die Musik von Hjaltalín klingt irgendwie ganz gut.
Das Debütalbum "Sleepdrunk Seasons" hinterlässt dann auch den Eindruck eines alternativen Musical-Soundtracks. Es gibt wechselnden weiblichen und männlichen Gesang, mal auf Englisch, mal auf Isländisch, opulente Arrangements und einen ziemlich frickeligen Schlagzeuger. Mal werden Erinnerungen an die Cardigans, mal an Yann Tierssen oder mal an Mùm wach. Schön!
Kick Joneses True Freaks Union
Rookie Records/Cargo
Aus dem Spermbirds und Walter Elf Umfeld kommen Kick Joneses und beehren uns schon seit über einem Jahrzehnt mit erstklassigem Postcore-Powerpop. Doch irgendwie hatte ich die fünf Herren etwas rockiger in Erinnerung und tatsächlich haben Kick Joneses auf ihrem neuen Album "True Freaks Union" die Popmusik für sich entdeckt. Da wird der altbekannte Kick Joneses Punk mit Stilen wie Beat, New Wave oder Britpop kombiniert, dass es eine Freude ist, dem frischen und mitreißenden Sound zuzuhören. Und wenn dann wie auf "Das hölzerne Männlein" oder "Froschmann" auf Deutsch gesungen wird, werden Erinnerungen an die alten Funpunk-Zeiten der Walter Elf wach. Somit ist "True Freaks Union" irgendwie ein Phänomen, denn es klingt einerseits alt und vertraut, andererseits aber auch neu und innovativ. Hut ab vor der Leistung!
Lime Spiders Live At The Esplanade
Nicotine Records
Die Lime Spiders gehören seit eh und je zur Créme de la Créme des australischen Garage-Punks. Mit "Slave Girl" hatte die Band aus Sydney in den 80ern sogar einen kleinen Indie-Hit, der später gar von den Goo Goo Dolls gecovert wurde. Kürzlich erschien auf dem italienischen Label Nicotine Records ein erstklassiges Live-Album der Lime Spiders, dass wohl erst vor einigen Jahren in Melbourne im Esplanade Club aufgenommen wurde. "Live At The Esplanade" besticht dabei mit seiner sehr guten Aufnahmequalität und besonders mit der Live-Power wie sie selten auf Live-Alben gebannt werden kann - ähnlich wie bei den legendären Live-Aufnahmen von Bullet Lavolta auf "The Gun Didn't Know That I Was Loaded". Auch musikalisch kommen die Lime Spiders diesem Meisterwerk sehr nahe.
Zu hören gibt es auf "Live At The Esplanade" neben den Lime Spiders Hits "Slave Girl", "Out Of Control" oder "Save My Soul" und weiteren Songs auch diverse Covers wie "Ain't Nothing Do To" von den Dead Boys, wobei die krächzende Stimme von Lime Spiders Sänger Mike Blood der von Stiv Bators sehr nahe kommt, das soulige "Career Of Evil" von Blue Öyster Cult oder als Zugabe das altehrwürdige "He's Waiting" von den Sonics. Mit "Live At The Esplanade" präsentieren uns die Lime Spiders über eine Stunde feinsten Rock'n'Roll-Punk-Spaß. Was will man mehr?
The Loved Ones Distractions
Fat Wreck/SPV
Die Loved Ones mochte ich ja schon auf ihren beiden letzten Alben "Keep Your Heart" sowie "Build & Burn" und auch auf ihrer neuen EP "Distractions" machen die Jungs aus den Staaten eine gute Figur - zumindest auf der ersten Hälfte. Denn hier spielen die Loved Ones wieder die Art von Songs, wie sie auch Samiam wohl gerne spielen würden, wenn ihnen irgendwann nicht der Saft ausgegangen wäre. In bester Postcore- und Amipunk-Manier hauen die Loved Ones hier drei erstklassige Songs raus. Die zweite Hälfte ist jedoch ein wenig gewöhnungsbedürftig, denn da werden Bruce Springsteen ("Johnny 99"), Billy Bragg ("Lover's Town Revisited") und Joe Strummer ("Coma Girl") gecovert. Auch wenn das im Original drei ganz gute Songs sind, steht den Loved Ones diese Americana und Singer/Songwriter Schiene nicht so gut - dafür gibt es ja Bands wie Against Me oder Gaslight Anthem. Doch, man sollte aber auf das nächste Album der Band gespannt sein.
Walter Lure Live In Berlin
Nicotine Records
Walter Lure sollte dem Punkrock-interessierten Lesern ein Begriff sein, war er doch Gitarrist der legendären Heartbreakers - nein nicht die Heartbreakers von Tom Petty, sondern die von Johnny Thunders - und später Kopf der Waldos. Es liegt also auf der Hand, dass es sich bei Lure um eine lebende Legende der alternativen Musikgeschichte handelt und eben jene Legende ging 2007 mit seiner "Band Of Belgians" auf Europatour. Dabei wurde im Berliner Wild At Heart Club jenes Konzert aufgenommen, dass nun bei Nicotine Records auf "Live In Berlin" veröffentlicht wurde - und das mit einer sehr guten Soundqualität.
Auf "Live In Berlin" gibt es dementsprechend nichts Neues, was auch ganz gut ist, denn Walter Lure ist mittlerweile einfach zu alt, um Neues zu erfinden und zudem sind die alten Heartbreaker-Klassiker einfach zeitlos schön. Und genau dafür wird der Mann von seinen Fans geliebt, für das etwa 45 minütige Abfeiern alter Punkrock-Gassenhauer. Dabei dürfen natürlich solche Hits wie der Opener "One Track Mind", "Get Off The Phone", "London Boys", "Born To Lose", "Chinese Rocks" oder "Too Much Junkie Business" nicht fehlen. Das ist New York Punkrock der aller ersten Kajüte mit vorzüglicher Gitarren-Arbeit und krächzender Stimme.
Masshysteri Vår Del Av Stan
Ny Våg Records/Cargo
Dennis Lyxzen kennt man ja eigentlich als Sänger von den großartigen The (International) Noise Conspiracy oder den seligen Refused, dass der Schwede aber auch mit Ny Våg Records ein kleines, aber feines Plattenlabel betreibt, wissen wohl auch nur eine Hand voll Insider. Soundmäßig ist das Ny Våg Label eher in die Schublade einzuordnen, in der sich auch Lyxzens weiteres Projekt The Lost Patrol Band befindet, nämlich in die Sparte 77er und Pop-Punk. Und genau in diese Richtung gehen auch Masshysteri aus Umeå im Nordosten Schwedens. Und dass hier die ehemalige Noise Conspiracy Organistin Sara Almgren singt und den Bass bedient, sei nur am Rande erwähnt.
Besonders auffällig auf Masshysteris Debütalbum ist diese besonders coole Schrammeligkeit, der gedoppelte Mann/Frau-Gesang und der Umstand, dass die Texte komplett auf Schwedisch geschrieben wurden; ist zwar schwer zu verstehen, hat aber diesen süßen Exotentouch. Musikalisch befindet sich das Trio im eben genannten 77er und Pop-Punk Bereich. Erinnerungen an die Avengers, Wipers, Wire oder Buzzcocks werden da geweckt. Doch, Masshysteri machen verdammt viel Spaß und gehen demnächst auf Tour. Nicht verpassen.
Duncan Redmonds Bubble And Squeak
Boss Tuneage/Rookie Records/Cargo
Duncan Redmonds sollte dem gewissenhaften Punkrockfan ein Begriff sein, denn der Mann gehört zur absoluten Sperrspitze des zeitgenössischen englischen Punks. Mit seinen zwei grandiosen Bands Snuff und Billy No Mates vollbringt Duncan Redmonds wahre Wunder, schafft es der Mann doch einerseits großartige Songs zu schreiben und andererseits gleichzeitig virtuos Schlagzeug zu spielen und dabei zu singen. Neben seinen zwei Bands und dem Engagement als Toy Dolls Drummer, fand Mr. Redmonds auch noch die Zeit, mit zahlreichen Gastmusikern sein Soloprojekt voranzutreiben. Und das Ergebnis kann sich mehr als sehen und hören lassen.
Auf "Bubble And Squeak - Collaborations 2004-2008" gibt es die volle Ladung Duncan Redmonds Punk. Doch besonders bemerkenswert ist, dass die diversen Gastsänger und -musiker auch ihre Handschrift hinterlassen. Da ist vor allem Frankie Stubbs zu nennen, dessen Songs aufgrund der einzigartigen Stimme und der Melancholie in den Liedern, stark an Leatherface erinnern. Die Stubbs-Songs sind Teil der zahlreichen Highlights auf "Bubble And Squeak". Weitere Highlights sind die Songs "Catch The Wind" mit den Billy No Mates UK und "Don't Leave The Planet Without Me" mit Dickie Hammond, seines Zeichens Gitarrist bei Leatherface, die mich total an Bob Mould und die späteren Hüsker Dü Sachen erinnern. Des Weiteren sind auch Leute von den Billy No Mates Japan, Doctor Bison, Guns'n'Wankers dabei sowie die Wright Brüder von No Means No und Fat Mike von NOFX. Alles in allem ein bunter Blumenstrauß voll mit Punkrock-Hits. Einzige Ausfälle unter den 22 Liedern sind die beiden langweiligen Oi-Songs mit Leuten von Hard Skin und der Song mit Jens Rachut (Oma Hans, Kommando Sonne-nmilch). Der Mann sollte einfach keine englischen Songs singen - das steht ihm nicht so gut. Sonst, Daumen hoch!
The Scrags The Scrags
Alleycat Records/Soulfood
Irgendwie werde ich den Eindruck nicht los, dass es sich beim Debütalbum von The Scrags um ein Konzeptalbum handeln würde, zu oft werden hier Themen aus Funk und Fernsehen besungen: Angefangen beim "Texas Chainsaw Massacre" über "Frankenstein" bis hin zu Zombies wird hier so fast alles thematisiert, was im Fernsehen zum Gruseln anregt. Dazu passt dann auch das Dracula-Plastikgebiss auf diversen Fotos im Booklet und auf der CD.
Nun aber zur Musik der Scrags, denn hier machen die vier Schweden genau das, was Skandinavier in Sachen Musik am besten können - nämlich Garagepunk. Irgendwo zwischen den Stooges ("Psycho Cyclone"), Mudhoney ("Twist At The Graveyard"), The (International) Noise Conspiracy ("Danger Closing In") und den Devil Dogs ("TV-Messed Up Mind") liegt er, der mitreißende, fuzzige, dreckige und nerdige Sound der Scrags. Astrein!
Zarboth Zarboth
Discorporate Records/Soulfood
Wow, das es so etwas heutzutage noch gibt. Frickelcore, Jazzcore, Noisecore - alles Genres aus einer anderen Zeit, aus einer anderen Galaxie. Und dann auch noch aus Frankreich; Sachen gibt's! Zarboth aus Paris schaffen wirklich das Kunststück, Jazzcore wie vor 15 bis 20 Jahren zu spielen, als Bands wie No Means No, die Victims Family, die Rhythm Pigs oder gar Primus und Mr Bungle versuchten von gängigen Hardcore-Klischees wegzukommen und Genres wie Jazz, Avantgarde oder Noise damit zu kombinieren. Und genau in diese Kerbe schlägt das Duo Zarboth und macht seine Sache verdammt gut. Teilweise vielleicht ein bisschen zu metallisch, aber dennoch einfach richtig gut.