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Boozed
One Mile
Chorus Of One Records/Chequers74
Boozed habe ich mir letztens noch mit weiteren 14 Zuschauern im Münchener Feierwerk angeschaut und ich war doch positiv überrascht, denn bei Schweinerockbands aus der norddeutschen Provinz befürchtet man normalerweise etwas ganz Übles: ein wildes durch die Gegend Gestümper. Boozed haben mich jedoch ob ihrer Bühnenpräsenz und ihres professionellen Sounds ziemlich überzeugt. Nur am Style sollten einige Bandmitglieder noch feilen und dann könnte es auch für eine ganz großen Nummer reichen.
Nun war ich natürlich auf das neue Album von Boozed gespannt und "One Mile" hat ebenso wie die Bühnenshow überzeugt. Hier handelt es sich um ein sehr fett produziertes Rockalbum, das sich in Sachen Songwriting, Arrangement und Power nicht hinter irgendwelchen Veröffentlichungen skandinavischer Powerrockbands verstecken muss. Neben Krachern der Marke Gluecifer befinden sich dann auch ein paar gediegenere 70er Jahre Rocksongs im Sinne späterer Hellacopters Sachen auf "One Mile". Nicke Anderson war übrigens auch bei einem Song aktiv.
Man hört also die ersten 13 Songs von "One Mile" durch, ist völlig weg von den Socken und möchte gleich dann einfach die Repeat Taste drücken, weil man nicht mehr genug kriegen kann und dann kommt auf einmal die Ernüchterung - der Hammerschlag ins Gesicht. Da waren die Jungs von Boozed sich doch tatsächlich nicht fies genug für, Westernhagens "Sexy" zu covern. Ich hätte fast kotzen müssen - Westernhagen? Geht's noch? Wenn das als kleiner Scherz gemeint war, dann haben wir eindeutig nicht den gleichen Humor. Und wenn nicht, dann tut es mir für die Jungs einfach leid.


The Casting Out
Go Crazy! Throw Fireworks!
Revolver Distribution Services/Soulfood
Boysetsfire konnte ich nie so richtig leiden; irgendwie wurde mir da zu viel gebrüllt und wild durch die Gegend gebolzt. Nein, dieses Metalcore ist nicht mein Metier. Nathan Gray, Kopf von The Casting Out, war Sänger, wenn man das bei dem Gezeter so beschönigend sagen darf, von Boysetsfire und so befürchtete ich schon das Schlimmste, als ich das erste Album dieser Band in meine Anlage steckte. Ist es aber nicht schön, dass das große Leben für einen immer wieder kleine Überraschung parat hält, und seien sie auch noch so klein.
The Casting Out, was ursprünglich so etwas wie ein Soloprojekt von Nathan Gray sein sollte, nun aber unter anderem auch der ehemalige Boysetsfire Gitarrist mitspielt, präsentieren uns auf ihrem ersten Album "Go Crazy! Throw Fireworks!" einen druckvollen Sound aus Powerpop und Emocore. Schön melodisch, toll arrangiert und mit einem tollen Gesang, ja, Nathan Gray kann wirklich singen, haben The Casting Out überhaupt nichts mit Boysetsfire gemein. Das klingt dann eher nach Samiam, No Use For A Name oder Strung Out. Überraschung gelungen!


Culture Reject
Culture Reject
White Whale/Cargo
Und schon wieder ein kanadisches Musikerkollektiv. Ähnlich wie Stars oder Broken Social Scene scheinen Culture Reject auch ein zusammen gewürfelter Haufen zu sein, dem das gängige Bandschema zu eng wurde. Kopf dieses Haufens ist Michael O'Connell, der ein Faible für unkonventionelle Singer/Songwriter Musik mit dezenten Folk Einflüssen hat. Das Ganze ist sehr schön arrangiert sowie instrumentiert und klingt wie eine Mischung aus Animal Collective und den Violent Femmes. Und besonders wenn Bläser zum Einsatz kommen, ist das selbstbetitelte Album von Culture Reject richtig klasse.


Dinosaur Jr.
Farm
PIAS/Rough Trade
Gerade in dem Moment, als ich diese Zeilen schrieb, hörte ich das brachial fulminante Gitarrensolofinale von "I Don't Wanna Go There" und fühlte mich so etwas von weggeblasen, dass ich kurzzeitig dachte, ich müsste meine Frisur neu richten.
Was soll man nur über ein neues Dinosaur Jr Album schreiben? All diejenigen, die sich etwas Neues, etwas noch nie Dagewesenes erhofft haben, brauchen jetzt gar nicht mehr weiter zu lesen. All diejenigen, die vom Dinosaur Sound einfach nicht genug bekommen können, sollten sich das neue Album zulegen. Ich gehöre jedenfalls zur zweiten Gruppe und bin begeistert. Natürlich höre ich immer wieder mit Hochgenuss Alben wie "Green Mind" oder "Bug", dennoch ist man für jede neue schräge Note, die J. Mascis mit seinen beiden Jungs herausrückt heil froh. Ich bin jedenfalls ein großer Fan von Dinosaur Jr und ein ebenso großer Fan von "Farm". Dieses Album ist heute schon ein Klassiker.


Dorfpunks
Der Soundtrack
PIAS/Rough Trade
Das Buch "Dorfpunks" von Rocko Schamoni ist ja nicht so besonders gut, dennoch finde ich diesen "Roman" lesenswert, da es von einer Szene und Bands handelt, die ich als junger Teenager toll fand. Ja, ich gebe es gerne zu, ich war ein riesiger Fan von den Goldenen Zitronen und eben Rocko Schamoni. Ich finde beide auch heute noch ziemlich gut, dennoch habe ich bisher noch nicht den Film zum Buch gesehen und so richtig groß ist mein Interesse dafür auch nicht.
Was soll man nun zu einer Original Filmsoundtrack CD schreiben? "Dorfpunks" enthält halt wie so viele andere Soundtracks eine gute Mischung an alternativer Musik. Bemerkenswert jedoch ist die Tatsache, dass sich hier, wie kaum zu erwarten, neben zahlreichen Punk und New Wave Klassikern, auch ein paar Jazz und Avantgarde Stücke vorhanden sind. Mit dabei sind übrigens die Fehlfarben, Talk Talk, Buzzcocks, The Pop Group, Siouxsie & The Banshees oder Captain Beefheart.


Heat From A Deadstar
Seven Rays Of The Sun
Ace Of The Hearts Records
Heat From A Deadstar kommen zwar aus London, klingen aber so verdammt nach amerikanischem Indiepunk, wie ihn Amerikaner heutzutage kaum noch hinkriegen. Auf ihrem ersten Album, nach zahlreichen EP's und Sampler Beiträgen, fegen Heat From A Deadstar so alles aus dem Weg, was nicht Niet und Nagelfest ist. Da werden völlig unkonventionell und gekonnt Punk, Pop, Hardcore, Grunge, Noise und Indie vermixt, dass es nur so eine Freude ist. Freunde von Superchunk, Treepeople, Sonic Youth, Fugazi oder Mission Of Burma sollten hier wirklich mal reinhören. Heat From A Deadstar könnten mit "Seven Rays Of The Sun" wirklich die nächste britische Indie-Entdeckung sein, die aber mehr Energie, Kreativität und Witz besitzt, als all die anderen Emporkömmlinge.


Heideroosjes
20 Years: Ode & Tribute
Fairytale Records/Cargo
Die Heideroosjes fand ich ja schon immer beknackt. Diese Band ist völlig überbewertet und so erschließt sich mir auch nicht diese 20 Jahre Tribut Doppel CD, auf dem die Band ihre Lieblingshits von Billy Joel, Nik Kershaw, Pennywise oder Metallica covert. Auf der zweiten CD covern dann belgische und niederländische Bands wie The Kids oder The Apers Songs der Heideroosjes, was dieses Doppelalbum aber auch nicht mehr retten kann. Muss man schon mögen, um es wirklich gut zu finden.


Iron And Wine
Around The Well
Sub Pop/Cargo
Singer/Songwriter ist ja nicht gerade mein Metier und Sam Beam, besser gesagt sein Alias Iron & Wine war bisher auch nur vom Namen her bekannt und dann kommt diese Doppel-CD an und ich bin plötzlich ziemlich angetan von diesem Sound. Denn Iron & Wine schafft es irgendwie, ziemlich mitreißend zu klingen, ohne dabei auch nur ansatzweise Gas zu geben. Auf "Around The Well" befinden sich zahlreiche unveröffentlichte und schwer zu bekommende Iron & Wine Lieder wie unter anderem ein Flaming Lips und ein New Order Cover. Klingt überraschenderweise ziemlich gut.


Kid Congo & The Pink Monkey Birds
Dracula Boots
In The Red Records
Kid Congo Powers war Gründungsmitglied der fantastischen Gun Club und Mitglied der fast ebenso grandiosen Cramps und Bad Seeds. Normalerweise müsste das eigentlich für eine große Musikkarriere reichen, doch für Kid Congo ist das noch lange nicht genug. Seit längerer Zeit betreibt er nun das Projekt "The Pink Monkey Birds" und zelebriert hier eine völlig verrückte Version von 60's Psychedelic Musik. 60er Puristen würden wahrscheinlich die Hände über den Kopf zusammen schlagen, dennoch ist Kid Congo auf "Dracula Boots" trotz aller Unkonventionen mehr 60er Jahre, als so manche Neo 60's Band. Die Pink Monkey Birds spielen hier so eine schräge Avantgarde-Garage-Beat-Surf Musik, die einfach ihres Gleichen sucht. "Dracula Birds" macht von hinten bis vorne Spaß und manchmal ertappt man sich dabei, wie man über diese Musik schmunzeln muss, ob der Kreativität, die hier vorhanden ist. Besonders gut gefällt mir die quietschende Fußmaschine des Drummers. Man hat den Eindruck, dass die Mechanik dieses Geräts nicht nur seit 23 Jahren keinen Tropfen Öl mehr gesehen hat, nein, dass man hier im Studio noch ein Extramikro dafür angeschlossen hat. Wahnwitziges Album!


Lucifer Star Machine
Street Value Zero
Nicotine Records/New Music Distribution
London ist ja normalerweise nicht unbedingt die Schweinerock Hochburg, dennoch kommen da vier Hals tätowierte Tough Guys her, die mächtig rockend aufs Pedal drücken. Ich war beim Anblick des Booklets so gut wie sicher, dass mich die Musik auf "Street Value Zero" langweilen würde, muss aber gestehen, dass der Sound von Lucifer Star Machine besser ist, als es diese fünf Typen vermuten lassen. Da wird meistens im Midtempo-Bereich Punk, Sleazerock, Psychobilly, Oldschool-Hardcore und Streetpunk vermischt, wie man es sonst nur selten zu hören bekommt. Nur die Attitüde der Band lässt etwas zu wünschen übrig. Ich bin zwar bestimmt nicht Mega-PC, aber ein Song wie "Pussy Champagne" ist einfach nur billig. Dennoch ist "Street Value Zero" ein empfehlenswertes Album.


The Riverboat Gamblers
Underneath The Owl
Volcom Entertainment/Rough Trade
Ähnlich wie bei Against Me oder The Gaslight Anthem hat sich mir der Sound der Riverboat Gamblers nicht direkt erschlossen. Anfänglich vom Popappeal etwas irritiert, entfaltet sich das neue Album "Underneath The Owl" nach jedem Hördurchgang zu einem mächtigen Brocken. Ähnlich wie die eben genannten Bands klingen die Riverboat Gamblers fast schon traditionell amerikanisch, ohne dabei aber die nötige Portion Punk zu versprühen. Ich bin immer noch dabei, mich richtig von "Underneath The Owl" überzeugen zu lassen und höre mir dieses Album regelmäßig an. Vielleicht erreichen die Riverboat Gamblers bei mir noch den hohen Status, den Against Me und Gaslight Anthem schon längst haben.


Schnaak
Women On Ships Are Bad Luck
Discorporate Records/Soulfood
Schnaak sollen tatsächlich nur aus zwei Leuten bestehen. Das ist umso erstaunlicher, da man bei diesem heftigen Sound eher eine handvoll Musiker erwartet hätte. Auf "Women On Ships Are Bad Luck", was ein ziemlich cooler Albumtitel ist, frickeln sich die beiden wild durch die Gegend. Jazzcore oder Experimental Noiserock könnte man das nennen. Auf jeden Fall geben sie meistens mächtig Gas, was von Seiten des Schlagzeugers vielleicht etwas zu heftig ist. Es ist zwar nicht so, dass er alles in Grund und Boden kloppt, dennoch hat man das Gefühl, dass es beim Sound von Schnaak nur um den Drummer geht, was vor allem im Schlagzeuggewitter "Mit Sanftheit beseelt" zum Vorschein kommt.


We Insist!
The Babel Inside Was Terrible
Exile On Mainstream Records
Für Avantgarde- und Frickelcore-Fans sollten We Insist! kein unbeschriebenes Blatt mehr sein, bringen die Franzosen mit "The Babel Inside Was Terrible" ihr mittlerweile sechstes Album heraus. Leider kenne ich die fünf Vorgängeralben nicht, muss diese mir aber nach dem x-ten Male "The Babel Inside Was Terrible" Hören unbedingt besorgen. We Insist! spielen nämlich ein derart frisches und auf den Punkt genaues, jazziges Noisegefrickel, wie es eigentlich nur wenige Bands bisher gemacht haben. Mir fallen da Q And Not U ein oder The Victims Family ein oder auch bei melodiösen Stellen At The Drive-In oder Fugazi. Apropos Melodie, das ist nämlich ein weiterer Pluspunkt für We Insist!, denn die Band hat, trotz allem Gefrickel und Gewusel, einen ganz tollen Sinn für Melodie und Zusammenspiel entwickelt. Da passt alles zusammen und kein Instrument tritt besonders in den Vordergrund und dominiert so alles irgendwie kaputt. Selbst das Saxophon passt da hervorragend rein. Grandios!


Dan Zimmerman
Cosmic Patriot
Sounds Familyre/Cargo
Dan Zimmerman, der mir bis dato völlig unbekannt war, geht mittlerweile auf die 60 zu und muss schon einiges in seinem langen Leben erlebt haben, sonst könnte er wohl kaum solch eingehende und tief schürfende Lieder schreiben. Auf seinem Album "Cosmic Patriot" präsentiert uns Zimmerman wunderschön düstere, soulige und tragische Songs der Marke Tom Waits, Lee Hazlewood, Mark Lanegan, Madrugada oder Tindersticks. Und die Nähe zu den Tindersticks ist auch noch durch Zimmermans eindringliche Stimme gegeben, die dem Organ von Stuart A. Staples ziemlich ähnelt. Schönes Album!