The ABS A Wop Bop A Loo Bop...
Boss Tuneage/Rookie Records/Cargo
Von The ABS habe ich vorher noch nie etwas gehört. Schön, dass Boss Tuneage immer wieder solche Perlen aus den ewigen Jagdgründen der Punkrock-Geschichte ausgräbt und mit "A Wop Bop A Loo Bop…" so etwas wie eine Werkschau der ehemaligen Punkband aus Wales veröffentlicht. Hier finden sich auf zwei CDs insgesamt 40 Songs wieder, die Ende der 80er aufgenommen wurden. Dazu gibt es noch zahlreiche unveröffentlichte Stücke und Live-Songs.
Hört man die Lieder auf "A Wop Bop A Loo Bop...", fällt einem schnell auf, dass The ABS den zur damaligen Zeit typischen britischen Pop-Punksound spielten: flott, melodisch, nicht überproduziert, mit wenig Schnörkel, rockig und teilweise schrammelig. Also, Musik, die auch gut im Pub funktionieren würde. Das erinnert dann sehr stark an Mega City Four oder gar The Housemartins. Doch, The ABS sollte man sich mal anhören und dass ein Mitglied später bei den Crossover-Königen von Dubwar spielte, sei auch nur so am Rande erwähnt.
Billie The Vision & The Dancers Where The Ocean Meets My Hand
Meraklis Records
Letztes Jahr kam eine gute Freundin von mir mit einer CD-Rom an, auf der Songs von Billie The Vision & The Dancers drauf waren. Ich hatte keine Ahnung, wo sie diese bis Dato bei uns recht unbekannte Band aufgetan hatte, aber die Lieder waren verdammt gut. Ein paar Wochen später lief dann in einem studentischen Esslokal hier in Aachen ein Song von Billie The Vision - Zufälle gibt es - und nachdem jene Freundin den Ober darauf ansprach, bekam dieser fast einen Herzinfarkt, weil er es nicht für möglich hielt, dass jemand außer ihm und ein paar seiner Freunde, die Band aus Malmö kennen würde. Damit sich dieser Unbekanntheitsgrad einer fantastischen Band ein wenig ändert, dafür will nun das kleine Bremer Plattenlabel Meraklis Records sorgen und bringt die drei bisher erschienenen Billie The Vision & The Dancers Alben neu heraus.
Eines dieser drei Alben ist das wunderschöne "Where The Ocean Meets My Hand", das einen frischen, sommerlichen Spirit versprüht. Die 7-köpfige Band, die auch mit Instrumenten wie Violine, Bongos, Trompete oder Akkordeon hantiert, spielt hier eine schön melodische Mischung aus Twee-Pop, Indie, Folk und Bubblegum. Das hat dann was von Belle And Sebastian, Cardigans oder gar von Middle Of The Road und klingt größtenteils unplugged. Trotz aller englischen Vorbilder, klingt die Musik von Billie The Vision & The Dancers richtig schön schwedisch. Schwer zu sagen weshalb, aber schwedische Bands klingen immer irgendwie nach Schweden, auch wenn sie englisch singen. Wie auch immer, Billie The Vision & The Dancers sollte man sich auf jeden Fall mal merken, denn auch live muss diese Band eine Bank sein.
Bulbul Bulbul
Exile On Mainstream Records/Soulfood
Über Bulbul liest man ja in den letzten Tagen so einiges: die Jungs aus Österreich legen viel Wert auf gepflegtes Cover-Artwork (da gibt es angeblich eine Platte, die in zwei Eisenplatten verpackt wurde) und treten anscheinend in Kostümen auf. Live-Konzerte des Trios sollen eine wahre Augenweide sein. Und auch die Musik ist ziemlich krank. Irgendwie gefällt mir der Sound, den Bulbul auf ihrem neuen selbstbetitelten Album fabrizieren. Da hört man einerseits die große, alte Doom-Rock-Schule der Melvins und Jesus Lizard raus, andererseits packen Bulbul auf ihre Musik noch so einigen Klamauk mit drauf, so wie es sich eigentlich auch für eine österreichische Band gehört. Bulbul sind wohl so etwas wie die EAV des Noise-Rock, oder die Drahdiwaberl des Space-Rock. Da wird mit allerlei Effekten und Samples gearbeitet, wird rumexperimentiert und rumgealbert. Gibt es eigentlich schon das Genre "Fun-Doom"? Ich kann zwar noch nicht genau sagen weshalb, aber irgendwie gefällt mir der Sound von Bulbul.
H2O Nothing To Prove
Bridge 9/Soulfood
Normalerweise kann man mich ja mit New York Hardcore jagen, denn selten gibt es bei diesen Tumb Guy - äh - Tough Guy Mackern wirklich gute Mucke. Aber H2O waren ja nie so ganz Hardcore. Auch wenn die Typen und ihre Frauen und auch ihre Haustiere auf den Booklet-Fotos ziemlich behämmert aussehen - immer cool und mit Kampfhund und so, New York Hardcore halt - die Musik auf ihrem neuen Album "Nothing To Prove" ist verdammt gut. Das geht richtig nach vorne los und manchmal denkt man fast, dass H2O nicht aus Brooklyn oder so kommen, sondern aus dem sonnigen Orange County. Ja, H2O verpassen ihren Agnostic Front und Sick Of It All Wurzeln eine dicke Schüppe Melodic- und Skate-Core. Das klingt dann zwischendurch ziemlich melodisch und gar nicht so sehr hart. Und kleine Hits können die fünf Jungs auch schreiben, man sollte sich bloß mal den Titelsong "Nothing To Prove" anhören oder "What Happened?". "Nothing To Prove" ist für mich ein überraschend gutes Album.
HDQ Sinking/ Soulfinder
Boss Tuneage/Rookie Records/Cargo
Mensch du, HDQ, da war doch mal was? Ich habe mir ja immer sagen lassen, dass der mittlerweile wieder gefundene verlorene Sohn von Leatherface, Gitarrist Dickie Hammond, früher mal bei einer Band namens HDQ gespielt hat. Leider hatte ich diese Band, auch in Zeiten von Myspace und Youtube, bis dato noch nie gehört. Nun kommen die Jungs von Boss Tuneage und Rookie Records mal wieder an und bringen alte HDQ Alben raus. HDQ klingen dabei wie so ne olle englische Post-Core/Indie-Punk-Band, die genau den Sound machen, den ich irgendwie immer gerne mag: melodisch-melancholischer Punk mit Hardcore- und Indie-Bezügen, irgendwie britisch à la Leatherface, aber auch amerikanisch wie Seaweed oder alte Samiam Sachen. Die Jungs von HDQ kamen Ende der 80er Jahre aus Sunderland und hätten zu der Zeit auch fantastisch auf das Bitzcore Label gepasst, zu Bands wie Alloy, Jones Very, China Drum oder eben Leatherface.
Nun wurden bei Boss Tuneage die beiden alten Alben "Soulfinder" und "Sinking" mit zahlreichen Bonustracks und Peel Sessions auf CD wieder veröffentlicht. Der Sound ist zwar ein wenig dünn, aber das gehört ja auch irgendwie in diese Zeit. Besonders bemerkenswert finde ich den Umstand, dass HDQ ihre melodischen und poppigen Songstrukturen, die auch mal an Mega City Four und Konsorten erinnern, mit fetten Power-Chords der Marke Toxic Reasons oder Poison Idea, da haben wir ja die alten Bitzcore-Bands wieder, konterkarieren. Und auch für die eine oder andere Midtempo-Nummer sind sich HDQ nicht zu schade gewesen. Sehr, sehr feine Alben, die man sich unbedingt mal anhören sollte.
Melvins Nude With Boots
Ipecac Records/Soulfood
Fuck, bringen die Melvins eigentlich nie ein schlechtes Album heraus? Nicht, dass ich mir ein solches wünschen würde - aber kann mir mal einer sagen, was bei denen los ist. Wo haben die denn immer die ganzen Ideen her? Für mittlerweile 25 Alben und dann zahlreichen Nebenprojekten. Wie auch immer, mit "Nude With Boots" haben die Melvins mal wieder ein Meilenstein veröffentlicht. Auch wenn kein Melvins-Album dem anderen gleicht, hört man doch immer wieder die Handschrift von King Buzzo und Dale Crover heraus. So gesehen sind Melvins-Alben dann doch auf ihre Art und Weise ähnlich. "Nude With Boots" sticht hingegen aus der langen Liste der Melvins-Alben noch stärker heraus. Liegt es an der Eingängigkeit, die die Melvins hier trotz aller verkopftheit und experimentierfreude an den Tag legen? Liegt es an der sehr ausgefeilten und teilweise sehr schrägen Rhythmik?
Irgendwie klingen die Melvins hier weniger doomig, dafür wieder mehr nach Seattle, was jetzt nicht negativ gemeint ist. Und bei Song Nr. 4 gehen die Pferde mit den Melvins komplett durch und sie lassen hier den Ennio Morricone raushängen. Irgendwie erinnert mich das Drumming hin und wieder eh an Indianer-Getrommel. Tja, auch 2008 lassen mich die Melvins wieder mit offenem Mund dastehen und lachen sich wahrscheinlich heimlich ins Fäustchen, dass sie der Musikwelt zum erneuten Male ein Schnippchen geschlagen haben.
The Morlocks Emerge/ Easy Listening For The Underachiever
Area Pirata Records/Go Down Records/Radar
The Morlocks aus Los Angeles gehörten mit den Fuzztones, den Cynics, den Fleshtones, den Gruesomes und zahlreichen weiteren Bands zum Garage-Rock-Revival der 80er Jahre. Das italienische Label Area Pirata bringt nun mit "Emerge" ein altes Album von 1985 wieder heraus, während Go Down Records mit "Easy Listening For The Underachiever" ein ganz neues Album der legendären Garage-Rock-Band veröffentlicht.
The Morlocks spielten 1985 eine recht psychedelische Garage-Rock-Version, die ihre Vorbilder wohl bei den Stooges gefunden hat. Emerge klingt vom Songwriting, vom Sound und von den Arrangements her ziemlich nach den guten, alten Sixties, mit einem kleinen Proto-Punk-Einfluss in der B-Note.
Das neue Album der Morlocks klingt von der Produktion her ein wenig fetter, ohne dabei zu modern zu wirken. Nein, die üblichen Garage-Rock Utensilien sind auch hier dabei: Fuzz-Gitarre, Wurlitzer, Mundharmonika, Schellentrommeln sowie das eine oder andere "Uh" und "Yeah". Etwas abwechslungsreicher klingt "Easy Listening For The Underachiever" dann aber doch. Da gibt es in "Dirty Red" eine groovende Hives-Gitarre, ein fast schon psychedelisch anmutendes Stück wie "My Friend The Bird", einen Proto-Punk-Song wie "You Burn Me Out", so etwas wie Sprechgesang bei "Cat (On A Hot Thin Groove)" und mit "Teenage Head" eine Coverversion des Flamin' Groovies Klassikers. Wer also auf den guten Garage-Rock-Revival Sound der 80er steht, also auf Bands und Künstler wie die Fuzztones, die Cynics, Miracle Workers, Billy Childish oder aber auch King Khan, der sollte sich auch mal The Morlocks zu Gemüte führen - die sind nämlich richtig klasse.
OJM Emerge Under The Thunder
Go Down Records/Radar
OJM aus Italien haben sich dem Stonerrock mit Haut und Haaren verschrieben. Man würde fast vermuten, dass die Band aus den USA oder aus Skandinavien kommt, so authentisch kling der trockene und energetische Sound. Das ist richtig fett.
Besonders bemerkenswert finde ich die Tatsache, dass man hier als Rezensent gar nicht die obligatorischen Stonerrock-Bands der 90er zu Rate ziehen muss, sondern, dass man direkt nach ganz weit hinten - in die 70er Jahre - gehen kann. "Under The Thunder" atmet mit seinem mächtigen Rocksound, fuzzigen Gitarren, psychedelischen Ausflügen und lockeren Improvisationen die Luft der Seventies. Da fallen einem die Stooges ein oder Black Sabbath oder Led Zep und vor allem MC5. Deren Bassist Michael Davis war bei "Under The Thunder" übrigens als Produzent und zeitweiliger Backing-Sänger aktiv.
Pagans The Blue Album
Smog Veil Records
In den 80ern gab es ja diese blühende Tape-Label-Szene. Da gingen Leute mit Diktiergeräten auf Konzerte, schnitten diese mit und brachten die Aufnahmen dann auf Kassetten unters Volk. Ich kann mich noch gut an alte Fanzines wie das EB/Metronom erinnern, in denen diese Tape-Label für ihre Live-Bootlegs Werbung machten. Tja, meistens hatten diese Tapes eine ganz miese Qualität, alles hörte sich grisselig an und man verstand darauf kein Wort. Aber das war damals egal, so wie es den Kids von heute scheinbar egal ist, wie mies sich ihr Musik-Handy-Sound anhört, wenn sie damit das ganze Zugabteil beschallen.
Die Pagans Live-CD "The Blue Album" ist zwar ein offizielles Album auf einem offiziellen Plattenlabel, dennoch macht diese Live-Aufnahme von 1988 in Madison, Wisconsin den Eindruck eines Live-Bootlegs. Tja, der Sound lässt sehr zu wünschen übrig, klingt knarzend, schroff und leicht mies. Man kann sich die Sache natürlich so schön reden, dass man einfach sagt, dass das ja auch irgendwie den Punkrock-Spirit ausmacht. Oder man trinkt sich den Sound einfach schön, was bei einem Pagans-Album ja auch nicht die schlechteste Alternative ist. Wie auch immer, es gibt hier halt die volle Dröhnung Cleveland-Punk.
Wie schon erwähnt, stammt die Aufnahme des "Blue Album" - der Name ist wohl eine Anlehnung an das "Pink Album" der Pagans - von 1988, also mit Bobby Richey am Schlagzeug und nicht mehr mit Brian Hudson. Aber mit Mick "Tommy Gun" Metoff (Gitarre), Tim Allee (Bass), der zwischendrin auch mal die Band verlassen hatte, und Sänger Mike Hudson sind zu der Zeit noch drei Originalmitglieder vertreten. Auch wenn die großen Hits wie "Boy Can I Dance Good", "What's This Shit Called Love" oder "Dead End America" fehlen, ist die Songauswahl sehr gut. Es gibt vor allem für 1988 recht aktuelle Songs und einige kleine Hits wie "She's A Cadaver", "Real World", "Us And All Our Friends Are So Messed Up" oder "Give Up" sind auch dabei. "The Blue Album" ist sicher was für Fans, von denen es ja eine ganze Menge gibt. Für Einsteiger ist dieses Album jedoch wohl nicht gedacht - da gäbe es bessere.
Pleased To Meet U Pleased To Meet U
Salon Alter Hammer Verlag
Irgendwie scheint es so, als ob diese Platte fünf, sechs Jahre zu spät kommt. ‚Damals' als frickeliger Emo-Indie-Post-Core der Marke At The Drive In, North Of America, Yage, Robocop Kraus, Pretty Girls Make Graves, Q And Not U oder Funeral Diner das nächste große Ding zu werden schien, da, ja genau da hätten Pleased To Meet U ihr Debüt-Album veröffentlichen sollen. Aber in Anbetracht dieser großartig schrägen Platte, kann man nur sagen: Besser spät als nie!
Pleased To Meet U gehen bei ihrem selbstbetitelten Album ziemlich frisch ans Werk, ohne dabei in rührselige Nostalgie zu verfallen, so nach dem Motto: Wir machen hier einen auf Fugazi und frickeln noch den einen oder anderen jazzigen Part mit in den Krach. Und Krach - ja Krach - das können die vier Kölner richtig gut. Manchmal wünschte man sich, dass mal etwas weniger geschrieen und ein wenig mehr gesungen wird. Das ist dann aber auch schon der einzige kleine Schwachpunkt dieser Platte.
Gesungen wird auf Englisch und Deutsch, was die Texte manchmal etwas kryptisch erscheinen lässt. Das erinnert ab und an auch an Turbostaat oder Oma Hans. Der Sound klingt sehr knarzig und scheppernd, die Songs sind hervorragend strukturiert und arrangiert - es gibt zwischendurch auch mal Keyboards, Bläser und Chöre - und die ganze Verpackung sieht aufgrund ihrer Schlichtheit auch ganz ansprechend aus. Sehr schön!
Textbook Boxing Day Massacre
Boss Tuneage/Rookie Records/Cargo
Zuerst dachte ich, dass das im Vorfeld hoch gelobte Textbook-Album so richtig unspektulär ist. Da ist man von aktuellen Boss Tuneage Bands wie Milloy, The Tank oder Bedford Falls besseres gewohnt. Doch wie so oft, muss man dem Album zwei bis mehrere Chancen geben, bis man merkt, dass da doch ein wenig mehr dahinter steckt. "Boxing Day Massacre" ist dann doch so ein Album wie man es von Boss Tuneage erwartet: einfach gut. Natürlich ist der Pop-Punk Sound des Trios aus Chicago recht unspektakulär, das liegt ja aber in der Natur der Sache. Diese Musik soll ja nicht sehr verrückt sein, sondern eher melodisch, eingängig und schmerzlos. Textbook treffen jedenfalls mit ihrem Mix aus College Rock und Indie Rock, der stark an Weezer, die Lemonheads oder Bob Mould-Sachen erinnert, meinen Nerv.
Unsane Visqueen
Ipecac Records/Soulfood
Auch wenn dieses Album schon etwas länger auf dem Markt ist, lohnt es sich doch, "Visqueen" von Unsane an dieser Stelle mal vorzustellen. Unsane aus New York sind ja ähnlich anerkannte Noise- und Doom-Rock-Helden wie Helmet, Neurosis oder Swans, was "Visqueen" mal wieder eindrucksvoll unterstreicht. Dabei fängt das Album mit einem recht lässigen Basslauf der Marke Morphine an, um aber nach kurzer Zeit in Krach und Power umzuschwenken. Da wo Helmet auf ihren letzten Alben der letzte Biss fehlte, kommen Unsane daher und hauen richtig auf die Kacke. Da grollt und donnert es, da gibt es Wut und Aggression, da wird gelitten und es kann richtig düster werden. Wer mal wieder vertonte Energie hören möchte, der ist bei Unsane genau an der richtigen Adresse.