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2nd District
Poverty Makes Angry
People Like You Records/SPV
2nd District, die Vorzeigepunkband aus dem Ruhrpott, die aus ehemaligen Mitgliedern der Revolvers, Public Toys und District besteht, meldet sich mit einem soliden, stellenweise auch beeindruckenden zweiten Album zurück. Musikalisch gibt es an "Poverty Makes Angry" nun wirklich nichts zu kritteln. Da versorgen uns 2nd District mit richtig gediegenem und ehrlichem Punkrock der alten Schule. Vor allem den guten alten CBGB's Sound der Marke Dead Boys oder New York Dolls hört man hier raus, aber auch ein wenig Glamrock und Sex Pistols. Blöderweise gibt es ein paar Dinge, die mir den vollen Genuss dieser Platte ein wenig versalzen.
Dabei meine ich noch nicht einmal die quäkende Stimme von Sänger Marc A, die ein wenig an die Undertones oder Toy Dolls erinnert, sondern die Art und Weise wie er akzentuiert. Dieses knödelige und aufgesetzte Cockney Englisch kann ja nun wirklich schnell nerven, wenn das jemand versucht, der nicht aus England kommt und man das auch noch heraus hört. Und da wären wir auch schon beim nächsten Punkt, denn dieses theatralische und aufdringliche Working Class Image klingt schon recht billig. Das fängt beim Albumtitel an, geht über das herunterbeten seiner Straßenwurzeln hinüber auf Quote schielende Mitgrölrefrains der Marke "Sternenhimmel" von Hubert Kah. Das ist dann der Soundtrack für die besoffene Meute in den autonomen Zentren dieser Republik. Und für diese Leute muss dann Sänger Marc wohl auch des Öfteren mit einem krächzenden "Guitar" darauf hinweisen, dass es sich beim nächsten Solo um eben jenes Instrument handeln würde. So ungefähr muss auch Guitar Hero funktionieren, habe ich mir aus erster Hand erzählen lassen.
Großartig ist dagegen der Song Nummer 4 "The Only One" mit pointiert eingesetzten Sex Pistols Zitaten. Wie gesagt, musikalisch sind 2nd District ganz weit vorne, aber dieses anbiedernde englische Union Workers-Ding steht der Band nicht gut, auch wenn sie aus dem Pott kommt. Wenn man sich schon auf alten amerikanischen Punk und Glam-Rock beruft, dann sollte man doch die Inhalte eher in diesen Genres suchen. Da gäbe es genug rauszuholen.


Anssi 8000 & Maria Stereo
Duel
Bone Voyage Recordings
Es klingt ja wie im Märchen: Ein verheiratetes Paar musiziert zusammen und es kommt was richtig Gutes dabei heraus. Keine merkwürdige Hausmusik oder andere Familienmusiken à la Kellys oder Jacksons. Ja ja, die Finnen mal wieder, sind immer wieder für Überraschungen gut. Denn Anssi 8000 und Maria Stereo kommen aus Sahalahti in Finnland. Anssi spielt dabei Gitarre und Schlagzeug, während Maria Keyboard und andere Dinge spielt. Singen tun aber beide, was der ganzen Sache sehr gut tut. Die Musik auf ihrem gemeinsamen Debüt-Album "Duel" spielt sich dann irgendwo zwischen New Wave ("I Feel Like Surfing", "Zion King"), schrägem Blues ("Consider Me Gone", "Fever"), Indie Folk/Americana ("Bad Moon Set"), jazzigem Indie-Pop ("Zombie") oder gar Hardcore-Punk alter finnischer Schule ("Riot") ab. Es fehlt zwar manchmal der rote Faden, dennoch könnte man Anssi 8000 & Maria Stereo als eine gelungene Mischung aus den White Stripes und B'-52s bezeichnen.


The Antikaroshi
Crushed Neocons
Exile On Mainstream Records
Folgende Floskel habe ich an dieser Stelle schon ein ums andere Mal geschrieben: Band XY macht einen Sound XY, der etwa XY Jahre (meistens sind es 10 bis 15 Jahre) zu spät kommt. Antikaroshi hätten ‚damals', als Bands wie At The Drive-In, Milemarker, North Of America oder Les Savy Fav drauf und dran waren, die Musikwelt zu erobern, ebenfalls mitmachen können. Doch anscheinend gibt es immer noch genügend Leute, die diese Art schräger Undergroundmusik hören wollen - und auch genügend Leute, die diese Art schräger Undergroundmusik noch fabrizieren.
Da wo andere Bands aus diesem Sound eine Screamo-artige Musik draus machen würden, bleiben The Antikaroshi dann ganz gediegen bei etwas, was man als doomigen Postcore bezeichnen könnte. Und das muss man der Band hoch anrechnen. Denn Antikaroshi sind auf "Crushed Neocons" - es gibt sie doch noch, Bands mit unpeinlichen politischen Statements im Albumtitel - zwar sehr geballt frickelig und krachend, vergessen dabei aber nicht den Sinn für Melodie und Harmonien. Das Trio aus Potsdam/Berlin ist dabei gleichfalls etwas für Fans der alten Dischord- und SST-Schule als auch für Freunde von Noise und Doom. Auf "Crushed Neocons" zelebrieren The Antikaroshi kreativen und unkonventionellen Postcore der ganz hohen Schule.


Botanica
americanundone
Rent A Dog Records/Alive
Es gibt ja einen Haufen Bands, die tolle Platten veröffentlichen, live auf der Bühne dafür aber die totalen Spaßbremsen sind. Dann gibt es Bands, die live einfach großartig sind, aber recht miese Platten aufnehmen. Quel malheur!
Die Band Botanica hingegen hat bisher gute Alben ("Malediction", "With All Seven Fingers"), ein sehr gutes Album ("Vs. The Truth Fish") und fantastische Alben ("Berlin Hi-Fi", "The Magnetic Waltz") herausgebracht. Tja und live auf der Bühne sind Botanica eine sagenhafte Wucht. Ich wette, dass jeder, der die Band einmal gesehen hat, mir ohne groß nachzudenken zustimmen wird. Was kann es also noch tolleres geben, als ein Botanica Live-Album. Mit "americanundone" hat die New York-Berliner Kooperation endlich diese Art Live-Offenbarung veröffentlicht. Und das obwohl die jüngste Bandgeschichte unter keinem guten Stern stand, denn innerhalb kürzester Zeit mussten sich Sänger/Keyboarder Paul Wallfish und Gitarrist John Andrews einen neuen Bassisten und einen neuen Schlagzeuger suchen. Mit Dana Schechter von der Berliner Band Bee & Flowers und dem Berliner Schlagzeuger Mark Stepro haben die beiden zwei Mitstreiter gefunden, die mehr als ein würdiger Ersatz sind. Ich habe mir sagen lassen, dass Stepro live eine absolute Granate und ein schräger Vogel sein soll.
Apropos schräg, denn etwas schräg klingt auch die Songauswahl auf "americanundone". So gibt es mit "I Desire" eigentlich nur einen dieser epischen, balladesken und höchst eingängigen Indie-Rock-Nummern, für die Botanica bekannt sind. Andererseits haben Botanica ja auch eine ellenlange Liste an schrägen, frickeligen schon fast jazzigen Indie-Rocksongs, die immer auch einen Hauch Kabarett und osteuropäische Folklore besitzen. Und darauf haben Botanica auf "americanundone" den Fokus gelegt. Songs wie "Billboard Jesus", "La Valse Magnetique", "Shira & Safia" oder "How" sind aber auch live absolute Knaller. Hey, und die Band schafft es tatsächlich ihre unschlagbare Live-Atmosphäre auch zumindest in Teilen auf CD zu bannen. Besonders schön ist nun der weibliche Backgroundgesang, der ja jetzt durch Dana Schechter endlich auch auf der Bühne möglich ist. Und wenn dann noch Aushilfs-Geigerin Anne de Wolff mit von der Partie ist, können Botanica auf ganzer Linie überzeugen. Oh Mann, da freut man sich ja doppelt auf die kommende Tour und das Album, welches im Laufe des Jahres erscheinen soll. Auf Botanicas Myspace Seite gibt es davon schon einen kleinen Vorgeschmack.


Dälek
Gutter Tactics
Ipecac Records/Soulfood
HipHop ist ja nicht unbedingt die Musikrichtung, die bei Independent Kicks irgendwie stattfindet, aber wenn jemand solch eine düstere und morbide HipHop-Version spielt wie das Duo Dälek, sollte man dem schon Beachtung schenken. So kommt es auch, dass Dälek gar nicht so sehr das typische HipHop-Klientel ansprechen, als vielmehr Leute, die eher der Rockmusik und im speziellen der doomigen Variante zugetan sind. Denn die Combo aus New York City kann in ihrer Musik eine dermaßen geniale Endzeitstimmung verbreiten, wie es die besten Doom-Rock Bands kaum besser können. Mächtige und grollende Beats, dunkle und krachende Sounds sowie die tiefe und voluminöse Stimme von MC Dälek machen "Gutter Tactics" zu einem ganz fiesen und düsteren Album. Wenn man Dälek überhaupt mit irgendetwas in der HipHop-Welt vergleichen kann, dann vielleicht mit den ebenfalls düsteren, aber noch lange nicht so dunklen HipHoppern wie Paris oder Gangstarr.


Demons
Ace In The Hole
Alska Productions/Rough Trade
Obwohl die Demons von Anfang an bei der Scandinavian Rock Invasion Mitte der 90er Jahre dabei waren, fristeten sie hinter den Großen des Genres wie Gluecifer, Hellacopters, Hives oder Turbonegro immer ein Schattendasein. Ähnlich wie bei den Grinners oder Puffball oder zig anderen Bands wurde kein Massenpublikum auf die Demons aus Stockholm aufmerksam. Merkwürdig, in Anbetracht des erstklassigen Sounds, den die Demons auf ihrem neuen Album "Ace In The Hole" abrocken. Ich muss aber auch zu meiner Schande gestehen, dass ich die Demons bisher nur von den legendären "Swedish Sins" Samplern her kenne oder von der "Electrocute"-Coverversion der Hellacopters auf deren Abschiedalbum "Head Off".
Mit "Ace In The Hole" hauen die Demons auf jeden Fall ein hochgradig mächtiges Scandinavian Punkrock Album in fettester High Energy Manier raus. Das erinnert dann an eine Mischung aus Gluecifer ("My Bleeding Heart", welches mit einem dezenten Sixties-Touch ein absoluter Überhit ist), New Bomb Turks ("Let Bygones Be Byebyes", "Brand New Low") oder Social Distortion ("The Fall Guy"). Wer also auf guten Punk'n'Roll alter Schule (Crypt Records, Gearhead, White Jazz) steht, der sollte nicht zögern, sich das neue Demons Album zu besorgen. Punkt, aus, basta!


Mike Doughty
Introduction
Noisolution
Soul Coughing waren Mitte bis Ende der 90er zusammen mit Morphin oder G Love & Special Sauce eine recht angesagte Band, die Indie mit Jazz, Funk und Electro mixte. Leader von Soul Coughing ist damals Mike Doughty gewesen. Nach jahrelangem Touren und Aufnehmen in den Staaten, hat sich endlich mit Noisolution ein Label gefunden, welches Mike Doughtys Solo-Musik auch hier in Deutschland bekannt machen möchte. Denn im Gegensatz zur teilweise gewöhnungsbedürftigen Musik von Soul Coughing, sind die Songs auf "Introduction" richtig gut. Da gibt es so gut wie keinen Aussetzer. Der Mann hat Ahnung von Songwriting, ob alleine mit Barhockermusik oder in voller Bandstärke mit groovigem Indie-Rock. Da gibt es richtig tolle Indie-Kleinode wie "Looking At The World From The Bottom Of A Well", "Fort Hood" mit einem Hair-Musical-Zitat im Refrain, "Busting Up A Starbucks" (ein absoluter Ohrwurm) oder das großartige "I Just Wan't The Girl In The Blue Dress To Keep On Dancing". Indie-Rock trifft hier auf Americana, Desert-Rock, Soul und Singer/Songriter. Und über allem schwebt die rauchige und bemerkenswerte Stimme Mike Doughtys, die manchmal an Tod A (Firewater/Cop Shoot Cop) erinnert. Eine fantastische Entdeckung von Noisolution - Hut ab!


The Fleshtones
Stocking Stuffer
Yep Roc/Cargo
Auch wenn Ostern bald vor der Tür steht, ist es wohl nie zu spät, auf ein richtig gutes Weihnachtsalbum hinzuweisen. Man kann dieses ja auch nächste Weihnachten oder für die Jahre danach kaufen oder zwischendurch auch so einfach mal hören. So ein Album macht sich nie schlecht in der Sammlung. Meine Eltern haben das "Weihnachten in den Bergen" Album ja auch nicht nur an Weihnachten gehört.
Mit "Stocking Stuffer" haben die legendären Fleshtones auf jeden Fall ein Album veröffentlicht, dass auf der guten Seite der Weihnachtsmusik steht. Oder auch auf der schlechten, je nach Betrachtungsweise - auf jeden Fall auf der richtigen. In erster Linie ist es einfach eine fantastisches Garage-Rock und Sixties Platte, so wie man es von den Fleshtones gewohnt ist. Erst auf dem zweiten Blick fällt auf, dass es hier nach allen Regeln der Kunst um Weihnachten geht, so oft wie hier die Begriffe "Christmas" und "Santa Claus" fallen. Songs wie "Super Rock Santa", "Christmas With Bazooka Joe", "Champagne Of Christmas" oder "Run. Rudolph. Run!" zeigen, dass man auch humorvoll an die Weihnachtssache heran gehen kann, ohne dabei peinlich zu wirken. Und im Grunde genommen sind es einfach erstklassige Rock'n'Roll Songs, so wie "Hooray For Santa Claus" mit diesem Cheerleaderchor-mäßigen Buchstabieren des Wortes "Santa Claus". Das nächste Weihnachten kommt bestimmt und dieses Mal bin ich gewappnet. Scheiß auf "Last Christmas"!


Kevin Seconds And His Ghetto Moments
Rise Up, Insomniacs!
Asian Man Records
Kevin Seconds habe ich noch vor einigen Monaten mit einer Klampfe bewaffnet auf einer Bühne Protestsongs spielen sehen. In Anbetracht der Tatsache, dass es sich bei Kevin Seconds zwar um so etwas wie eine lebende Punkrocklegende der fantastischen Seven Seconds handelt, war es dann doch eher eine verschnarchte Veranstaltung. Umso überraschter bin angesichts des neuen Kevin Seconds Album "Rise Up, Insomniacs!", dass er zusammen mit seiner Band "And His Ghetto Moments" aufgenommen hat. Und darauf beschränkt sich der Herr Sekunden nicht bloß auf akustische Protestsongs der Marke Billy Bragg oder seiner Punkrock-Kollegen wie Chuck Ragan, Joey Cape oder TV Smith, nein Kevin Seconds macht hier richtig tolle 70er Jahre angehauchte Singer/Songwriter-Musik und Americana. Dabei packt Kevin Seconds eine harmonische Stimme aus, die ein wenig an Neil Young oder Simon & Garfunkel erinnert. Hört euch bloß mal das tolle, mit einer Triangel verschönerte "Not That Bad A Guy" oder den absoluten Hit "Rise Up, Insomniacs!" mit den markanten Bläsereinsätzen an. Einfach fantastisch!


Kryptonics
Rejectionville
Memorandum/Fuse Music
Die Australien-Wochen bei Independent Kicks gehen weiter. Und das kommt ja nicht so einfach aus heiterem Himmel, denn Australien hat nun schon seit Jahrzehnten eine herausragende Underground-Rockszene. Das haben ja auch die seligen Hellacopters erkannt und auf ihrem Abschieds- und Cover-Album "Head Off" einen Fokus auf australische Rockmusik gelegt und drei Bands von Down Under gecovert. Gut, dass sich mit Memorandum Records ein Label gegründet hat, dass alte und ehemalige australische Underground-Rock-Bands den Leuten wieder oder erstmals ins Gedächtnis rufen und deren alte Platten oder Songs wieder veröffentlichen möchte.
Mit "Rejectionville" wurde nun eine Doppel-CD mit dem Großteil des Schaffens der Kryptonics aus Perth veröffentlicht. Diese Garage-Rock-Band mit krachenden Punk-Einflüssen hatte sich 1984 gegründet und gegen 1992 dann aufgelöst (anscheinend sind die Kryptonics mittlerweile wieder aktiv). Im Laufe der Jahre gab es diverse Besetzungswechsel, unter anderem haben der heutige Drummer der Hard-Ons Pete Kostic und der jetzige Drummer von Radio Birdman Rusty Hopkins zeitweise bei den Kryptonics gedrumt. Die Kryptonics waren also tief in der australischen Rock-Szene verwurzelt.
Die Doppel-CD "Rejectionville" zeigt wieder eindrucksvoll, dass australische Bands es irgendwie immer drauf hatten und haben; ob musikalisch, von der Attitüde her oder einfach wegen des Styles. So befinden sich auf "Rejectionville" insgesamt 38 Songs, die irgendwo zwischen Garage-Rock, Sixties, Punk und Blues anzusiedeln sind. Dabei ist zu beachten, dass die erste CD etwas rockiger ausfällt. Da gibt es fuzzige Garage-Punk-Stücke à la Stooges ("Land That Time Forgot", "Love Story"), fetzigen Rock'n'Roll ("Trapped Inside"), Garage-Rock à la Fleshtones ("Don't Trash Me") oder gediegenen Sixties-Sound ("Melancholy Valentine"). Und andauernd läuft einem ein dreckiger Indie-Blues-Sound der Marke Beasts Of Bourbon über den Weg. CD 2 ist dagegen etwas düsterer ausgefallen. Zwar klingen die Kryptonics hier immer noch nach Rock, aber ein dezenter New Wave Touch hat sich da hinzugesellt. Ein kleiner Nick Cave Einfluss hat sich hier breit gemacht. Das Ganze erinnert dann ein wenig an die Wipers oder die melancholischen Agent Orange Sachen. Wie auch immer, diese Doppel CD hat es in jedem Fall in sich und kann zudem mit einem ausführlichen Booklet auftrumpfen. Eine absolute Empfehlung, nicht nur für Freunde australischer Rockmusik.


The Leeches
Eat The Leeches
Tre Acordi Records
Vier italienische Asi-Punker machen zusammen mächtigen Asi-Punk. The Leeches hauen auf ihrem Album "Eat The Leeches" einen Haufen Schweinerock-Knaller raus, die so manche andere Schweinerock-Band wohl auch gerne haben würde. Irgendwo zwischen Punk'n'Roll der Marke Crypt-Records, 90er Jahre Scandinavian-Punkrock und 80er Jahre Ami-Punk à la TSOL angesiedelt, nehmen die Leeches kein Blatt vor den Mund - wenn dann schon eher ein fettes T-Bone-Steak. Nein, die Jungs wollen keinen angepassten Weichspül-Sound spielen, die wollen provozieren. Die wollen doch bloß spielen… Songs wie "Just A Little Love", "No Sport", "Live Fat Die Young" oder "Reign In Food" mit der Refrainzeile "Reign in food! Food! Food! More Salami, Peperoni, Calamari" lassen da keine Fragen offen. So etwas muss man schon irgendwie mögen; ich finde es gut!


Loudest Boom Bah Yea
Booty Beats Fully Realized
BB*Island
Beim Lesen des Pressetextes denkt man sofort: Na, ob das wohl gut geht? Denn bei Loudest Boom Bah Yea handelt es sich lediglich um zwei Schlagzeuger. Wird da also nicht ein bisschen was fehlen, so Melodien vielleicht oder Harmonien? Hört man sich dann das Album "Booty Beats Fully Realized" an, bekommt man zwar den Eindruck, dass da wirklich etwas fehlt, dass das aber gar nicht so schlimm ist. Denn die beiden Amerikaner Chris Deaner und Karl Lundin unterlegen ihren recht hektischen Sound aus Breakbeat und Elementen aus HipHop, Drum'n'Bass und Dub mit Sounds, Geräuschen, Stimmen und Samples. Dennoch ist man nicht ganz unglücklich, wenn schon nach etwa 15 Minuten wieder alles vorbei ist. Denn so cool und unkonventionell Loudest Boom Bah Yea sind, so rasch kann diese Art von Musik auch anstrengend wirken.


The Lustkillers
Black Sugar Sessions
Nicotine Records
Jesses, dieses Album ist so gut, dass ich vor lauter Begeisterung vergessen habe, ein Review für die Januar Seite zu schreiben. Die "Black Sugar Sessions" der Lustkillers ist ja schon im Oktober veröffentlicht worden, ich habe die CD auch schon seit Anfang Dezember oder so und dann ist dieses Album so was von geil, dass man es andauernd hören muss und man gar nicht mehr auf die Idee kommt, dass man darüber ja etwas schreiben muss. Es fühlt sich so an, als ob man das Album schon seit Jahren hat und man die Lustkillers schon ewig kennen würde. Und irgendwie ist es ja auch so, denn etwas wirklich Neues macht die Band aus San Francisco nun nicht gerade, aber dafür macht sie das fantastisch gut.
Kopf der Lustkillers ist kein geringerer als Adam Becvare, der auch bei American Heartbreak und den Black Halos Gitarre spielt/spielte sowie bei der Lords Of The New Church Reunion Tour 2003 den Ersatz für Stiv Bators mimte. Und nun weiß auch schon der geneigte Leser, wohin die Reise bei den Lustkillers geht. Auf den "Black Sugar Sessions" gibt es also einen fetten Classic Glampunk mit einer gehörigen Portion Dunkelheit und New Wave. Erinnerungen an die Dead Boys, Jeff Dahl, die New York Dolls, Generation X und vor allem The Lords Of The New Curch werden hier wach. Auch einen kleinen Schuss Orange County Punk der Marke DI, Freeze oder Agent Orange meint man ab und zu rauszuhören. Doch vor allem bei den ruhigen Songs wie "Do I Love You" und "Swamp Love" lebt der Geist Stiv Bators' weiter. Was junge Bands wie die Mercy Killers oder Enemy Rose immerhin ansatzweise schaffen, nämlich das Erbe eben jenes großen Stiv Bators anzutreten, müssen mit den Lustkillers mal wieder alte Säcke übernehmen. Und die machen das perfekt. Ein Traum, mir fehlen die Worte……………


Psychic Ills
Mirror Eye
Social Registry/Cargo
Merkwürdige Hippiemusik bieten uns die Psychic Ills auf ihrem Album "Mirror Eye". Man braucht sich nur das Cover mit diesem Tamburin anschauen und man weiß genau, woran man ist. Da fällt mir nur diese grandiose Sequenz bei der Maischberger vor einigen Jahren ein, als Jutta Ditfurth zu Nina Hagen sagte: "Da warst du wohl in deinem Ashram!" Was habe ich da gelacht. Und genau so fühlt man sich beim Hören von "Mirror Eye", als ob man sich im Ashram befinden würde, was auch immer das so genau ist. Das hat etwas von Krishna und Dalai Lama. Die Psychic Ills können an manchen Stellen mit ihrem Psychedelic Sound zwar auch ganz nett sein, im Großen und Ganzen klingt es aber recht belanglos. Hare, Hare!


Lukas Sherfey
Soul Vacation
The Movement Records
Die Parallelen zum schwedischen Kollegen Moneybrother sind unverkennbar: Als Kopf einer erstklassigen Modpunkband, die nie die Aufmerksamkeit erlangen konnte, die sie eigentlich verdient hätte, macht man dann mit einem Soloprojekt weiter, welches noch geschmackssicherer, gediegener, ausarrangierter und großartiger zu Werke geht. Da ist Lukas Sherfey also auf einem guten Wege, sein musikalisches Genie an die Leute zu bringen.
Der Däne Lukas Sherfey war jahrelang Kopf der politisch aktiven Modpunk-Kapelle The Movement, die sich zwar in Szenekreisen einen hervorragenden Ruf erspielen konnte, aber leider immer etwas unterbewertet blieb. Ähnliches passierte ja auch dem Kollegen Moneybrother mit seiner Band Monster, die ebenfalls grandiose Platten veröffentlichte. Nachdem sich The Movement aufgelöst haben, kommt Gitarrist und Sänger Sherfey nun mit seiner Soloplatte "Soul Vacation" stilvoll um die Ecke gescootert. Und überraschenderweise spielen politische Themen auf dieser Platte eine sehr untergeordnete Rolle, vielmehr geht es hier ganz modmäßig um Girls und Liebe. Hach, wie schön!
Musikalisch hat Lukas Sherfey wohl endlich seinen Sound gefunden. Natürlich waren The Movement sehr gut, aber immer auch ein wenig zu hektisch. Das lag unter anderem auch am technisch sehr versierten Drummer, der aber mit seinem Geknüppel des Öfteren über die Stränge schlug. Der neue Drummer hingegen bleibt schön im Hintergrund, spielt sich nicht auf und legt so einen schönen Groove-Teppich für die erstklassige Instrumentierung und harmonischen Arrangements, die hin und wieder mit Klavier, Bläsern und Geigen angereichert werden. So ist "Soul Vacation" ein wundervolles Album, dass sich in den Genres Northern Soul, Power Pop und Mod bedient. Paul Weller, Elvis Costello und Moneybrother lassen grüßen. Ganz großes Kino!


Stinking Lizaveta
Sacrifice And Bliss
Monotrome Records/Cargo
Metal ist ja eigentlich nicht die Musik, die auf Independent Kicks irgendwie stattfindet (hm), aber die Band Stinking Lizaveta aus Amerika hat es meines Erachtens dann doch verdient, vorgestellt zu werden. Bemerkenswert an "Sacrifice And Bliss" ist, dass das Album so gut wie instrumental eingespielt wurde. Stinking Lizaveta verfolgen dabei nicht die sphärische und epische Art und Weise wie etwa Mogwai, sondern rocken was das Zeug hält. Das geht des Öfteren richtig fies in den Metal hinein, hat aber auch immer etwas von Doom- oder Prog-Rock. Das geht dann von ziemlich coolen Seventies-Rock Balladen wie bei "When I Love You" bis hin zu üblem Eddie Van Halen Rock.


The Wreckery
Past Imperfect
Memorandum/Fuse Music
The Wreckery aus Melbourne dürften hierzulande recht unbekannt sein. Hugo Race hingegen, Mitbegründer der Bad Seeds und später mit The True Spirit auch in Europa hin und wieder auf Tour, dürfte hingegen kein unbeschriebenes Blatt sein. Und eben jener Hugo Race war oder ist, denn The Wreckery haben sich im Original-Line Up wiedervereint, ebenfalls Gründungsmitglied von The Wreckery, die es von 1984 bis 1989 gab und in Australien so etwas wie Kultstatus genoss.
Beim Namen Hugo Race liegt natürlich die Vermutung nahe, dass es sich beim Sound von The Wreckery um düsteren Indie-Rock mit dreckigen Blues-Anteilen und gediegenen Post-Punk handelt. Und das tut es auch - und wie. The Wreckery stehen da ganz in der Tradition australischer Kollegen jener Dekade wie die Bad Seeds, The Birthday Party oder Crime And The City Solution. Aber auch amerikanische Bands wie Gun Club oder Teile der New Yorker No Wave Szene kommen einem in den Sinn. Auf der Doppel-CD "Past Imperfect" veröffentlicht nun das australische Label Memorandum (siehe auch das Kryptonics Review) so etwas wie eine Werkschau des Quintetts, welches neben der normalen Rock'n'Roll-Besetzung auch einen Saxophonisten beinhaltete. Insgesamt 24 sehr düstere und teilweise rockige Songs sind hier vertreten und sollten von Fans der eben genannten Bands unbedingt mal angetestet werden.