Fabienne Delsol On My Mind
Damaged Goods/Cargo
Ein zuckersüßes Pop-Album hat uns die gebürtige Französin und Wahl-Londonerin Fabienne Delsol hier kreiert. Auf "On My Mind" hört man gleichfalls die Garage-Rock Wurzeln ihres früheren Engagements bei The Bristols heraus, als auch ihre Leidenschaft für französische Popmusik der 70er und 80er Jahre sowie ein Faible für den guten, alten Chanson der 60er Jahre. Das kommt dann teilweise sehr kitschig rüber, bekommt aber bevor es nur ansatzweise anfängt zu nerven, die Kurve. Aufgrund des hohen Pop- und Kitsch-Faktors teile ich nicht ganz die Gainsbourg- und Hardy-Vergleiche des Infozettels, sondern sehe eher Parallelen zu banaleren Vertretern des Chanson wie France Gall oder Sylvie Vartan. Dennoch, ein tolles drittes Soloalbum von Fabienne Delsol, die für das Nouvelle Chanson Française Genre eine frische Bereicherung ist.
Eartbend Attack Attack Attack
Nois-o-Lution/Indigo
Nur noch wenige deutsche Bands wie Scumbucket oder Pothead halten noch die Alternative-Rockfahne hoch. Seit einigen Jahren gesellen sich die drei Jungs von Earthbend dazu. Die Band aus Finsterwalde präsentiert uns auf ihrem neuen Album "Attack Attack Attack" ihren typisch verspielten progressiven Alternative-Sound, der dieses Mal doch etwas poppiger und eingängiger klingt. In Zeiten da Alternative-Rocker wie Ash, Hole oder Melissa Auf Der Maur wieder aktiv werden und eine Band wie die Kings Of Leon übermäßigen Erfolg verbuchen, ist das keine allzu schlechte Wahl. Daumen hoch!
J.C. Satàn Sick Of Love
Slovenly Records
Was für ein bösartiges Album - allein schon der Titel "Sick of Love" lässt darauf schließen, dass es sich bei J.C. Satàn um ganz gruselige und dunkle Zeitgenossen handelt. Glücklicherweise sind es aber oft genau diejenigen Menschen, die zu Kunst und Kultur so viel Gutes beigetragen haben, angefangen bei Sartre, über Bukowski, Kubrick bis hin zu Richards oder Iggy Pop. Und das französisch/italienische Quintett knüpft dort nahtlos an, schreibt Songs mit Namen wie "The Day I Discovered I'm A Bad Man" oder "Lick My Feet", haut uns die volle Breitseite Psychedelic-Sixties-Garagepunk um die Ohren und veröffentlicht das dann auch noch auf unser aller Lieblingslabel Slovenly Records. Ich zitiere an dieser Stelle mal aus dem Waschzettel:
"We've done it, kids. What better way to celebrate Slovenly's 100th release than by unleashing the best record you'll hear this year?" und "There are more Black Lips imitators out there now than there was ever fort he Oblivians/Gories…" Fuck, die Leutchen bei Slovenly haben so verdammt nochmal Recht. Auch wenn ich die Black Lips sehr gerne mag, leider wird das Gedenken an einflussreiche Bands wie eben die Oblivians oder die Gories leider vernachlässigt. Und da treten dann J.C. Satàn auf den Plan und hauen eine Platte raus, die auch der guten alten Tante Crypt gut gestanden wär. Hiermit erkläre ich hochoffiziell Slovenly zum legitimen Crypt-Nachfolger. Aber "Sick of Love" wär nun nicht bloß wegen der Oblivians/Gories Einflüsse zum besten Album des Jahres geworden, nein, dazu gehört noch mehr und das haben die Fünf ihrem Garagepunksound gekonnt zugefügt. Ja, der Psychedelic-Anteil ist richtig mächtig, da werden dann sogar Erinnerungen an Jacques Dutronc, Jesus And Mary Chain, an Yo La Tengo und alte Sonic Youth Sachen wach. Großes Album!!!
P.S.: Einen Wehrmutstropfen gibt es dann aber doch: auf der CD befinden sich laut Infotext vier Bounstracks, die es wohl nicht auf der Platte gibt. Save the Vinyl. Respect the Rock.
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Darryl Jenifer In Search Of Black Judas
ROIR/Cargo
Darryl Jenifer sollte jedem Hardcore-Punk-Interessierten ein Begriff sein. Eigentlich sollte es da auf der Stelle klick machen, denn Darryl Jenifer ist nicht nur einer der dynamischsten und mitreißenden Bassspieler des Genres, nein, er spielt jenen auch noch in einer der dynamischsten und mitreißenden Bands des Genres: die Rede ist natürlich von den legendären Bad Brains aus Washington DC. Und diese hatten ja schon immer, neben ihrem ausgesprochenen Sinn für knackige Hardcore-Kracher, auch immer ein Faible für Reggae und Dub. Und da darf jetzt dreimal geraten werden, was der Herr Jenifer auf seinem Solodebüt "In Search Of Black Judas" so vom Stapel lässt. Genau, es geht hier in erster Linie um Dub. Aber Darryl Jenifer ist wohl nicht umsonst herausragender Bassist der wohl weltersten Crossover-Band, wenn er auch hier nicht wieder mächtig in der Soundtrommel rumrühren würde. Denn auch Funk, Hardcore und Metal werden dem recht eigenwilligen Dub-Sound beigefügt. Das Ganze erinnert dann zum Beispiel an das fantastische Dub Trio und wird bis auf wenige Samples großenteils instrumental vorgetragen. Und natürlich kann Darryl Jenifer, dessen Bass hier wieder so unglaublich tief und vibrierend rüberkommt, solch einen Sound nicht alleine hinbekommen. Also gibt es eine ellenlange Liste mit Gastmusikern aus den Dub, Reggae und HipHop Bereichen, die neben den verdächtigen Bad Brains Kollegen Dr. Know, Earl Hudson, HR auch den ersten Bad Brains Sänger Sid McCray (Ende der 70er) bereithält. Da passt es auch ganz gut, dass "In Search Of Black Judas" auf ROIR Records erscheint, jenem Label, dass ja 1982 die erste Bad Brains Platte veröffentlichte.
Jingo de Lunch Land Of The Free-ks
Nois-o-Lution/Indigo
Was schreibt man denn über eine Band, die einen durch die ersten Jahre seiner jugendlichen musikalischen Sozialisation höchst intensiv begleitet hat? Tja, was würde ich denn über meine damalige große Jugendliebe schreiben…? Ja, ja, ich bin befangen, aber hey, das hier ist ja kein schnödes Musikmagazin, welches sich nach Verkaufszahlen, Downloads, Anzeigenschaltungen oder coolem Äußerlichen geht (obwohl Yvonne Ducksworth und die anderen Jingos auf den Pressefotos immer noch äußerst cool rüber kommen). Nein, ich muss mich an dieser Stelle outen: Ich bin Fan! Und das hier ist ja so etwas wie ein Fanzine und deshalb ist es legitim, dass ich befangen bin und am liebsten die neue Jingo Platte abfeiern würde (was ich hiermit ja auch insgeheim tue), denn nach einer ellenlangen Bandpause und eineinhalb bis zwei etwas durchwachsenen Platten Mitte der 90er Jahre, knüpft das neue Jingo Album "Land Of The Free-ks" nahtlos an alte "Axe To Grind" oder "Perpetuum Mobile" Zeiten an. Aber ich schweife ab, denn ich wollte ja gar nicht abfeiern.
Deshalb eine kleine Anekdote aus alten Jingo-Tagen Anfang der 90er auf einem der zahlreichen Jingo-Konzerte, die ich damals zwischen 88 und 94 gesehen habe. Es gebe noch weitere Anekdoten, aber diese ist die erinnerungswürdigste. Gruß an Yvonne, falls sie das hier mal lesen wird, denn sie konnte sich sogar noch an diese Begebenheit erinnern, als wir ihr diese vor etwa einem Jahr im Franken in Kreuzberg erzählt haben.
Übach-Palenberg bei Aachen, Rockfabrik, etwa 1992 oder 1993: Wir waren ziemlich betrunken und bekifft als Jingo in einer sehr vollen Rockfabrik ihr Konzert begannen. Nach einigen großartigen Songs und heftigen Pogoeinlagen meinerseits gab es dann endlich eine kurze Songpause, die Yvonne Ducksworth nutzte, eine etwas flapsige Ansage zu machen, die darauf hinzielte, dass wir uns ja hier im Grenzgebiet zu den Niederlanden befänden, Holland mit seinen Coffeeshops also nur einen Katzensprung entfernt sei und weshalb es denn hier nichts zu kiffen gebe, weshalb ihr noch niemand etwas angeboten hätte und wo denn hier die Joints wären. Und wie vorher bestellt erschien plötzlich mein allerbester Freund mit einer wohl gerade eben erst angezündeten fetten Tüte in der Schnauze auf der Bühne, überreichte diese der etwas überrascht dreinschauenden Yvonne und meinte: "Hier!". Wir anderen Jungs standen in der Menge und wunderten uns und mussten lachen: wo kam denn der so rasch her? Tolle Aktion. Nachdem das große Hallo auf der Bühne etwas abebbte, ging das Konzert noch besser und noch fulminanter in die nächste Runde. Yes!
Später, beim verlassen, der damals schon ziemlich unfein gewordenen Rockfabrik, bekam mein guter Freund noch vom Türsteher ein Hausverbot ausgesprochen, indem er mit ausgestrecktem Zeigefinger auf ihn zielte und so bösartig und dominant wie es nur ging schrie: "Du!!!!! Du bekommst hier Hausverbot!" Wir haben uns bei ihm bedankt und draußen erst mal genüsslich eine Spaßzigarette angezündet.
Und nun kommen Jingo mit "Land Of The Free-ks" um die Ecke und wecken mit ihrem klassisch-fulminant-grandiosen Sound wieder alte Erinnerungen an traumhafte Konzerte und tolle Partys. Anspieltipps für Nichtkenner oder Skeptiker: Room 101 und Metherfor, die stark an alte Bad Brains Midtempo-Nummern erinnern, aber dennoch - oder gerade deswegen - so typisch nach Jingo klingen.
Tim Kasher The Game Of Monogamy
Affairs Of The Heart/Indigo
Oh, ich mochte Cursive damals sehr gerne, war es doch eine Band, die einen Sinn für große Melodien und eingängigen Pop hatte, aber auch immer irgendwie spröde und unnahbar klang. Ähnlich wie zum Beispiel Guided By Voices, Bevis Frond oder Sebadoh - also Bands, die einerseits eine Sinn für ganz große Melodien und eingängige Popmelodien hatten, die andererseits aber auch immer spröde und unnahbar wirkten. In einer gerechten Welt wären diese Bands bestimmt groß rausgekommen, da diese Bands aber wohl realistisch genug waren und ahnten, dass wir in keiner gerechten Welt leben, haben sie gar nicht erst versucht groß rauszukommen, sondern sind irgendwie immer schön schräg und eigenwillig geblieben, obwohl sie immer wieder diese tollen Indie-Kleinode hatten, die vermuten ließen, dass es sich hier um große Songwriter handeln muss.
Tim Kasher, ehemaliger Frontman der fantastischen Cursive und Saddle Creek Spezi, hat auf seinem Debüt-Soloalbum auch eine ähnliche Musik geschaffen. "The Game Of Monogamy" ist ein Album, welches einerseits große Popmelodien und Hits wie "I'm Afraid I'm Gonna Die Here" (ein absoluter Ohrwurm) für uns bereithält, andererseits aber auch sehr spröde und unprätentiös klingt, ohne dabei aber auch nur ansatzweise unspektakulär zu wirken. Auch wenn es so scheint, dass Tim Kasher zwischen den Hits manchmal der roten Faden etwas abhanden gekommen wäre, hat der Mann hier doch eine sehr feine Songwriter-Indie-Musik geschaffen. "The Game Of Monogamy" kann einerseits aufgrund der poppigen Melodien sehr schnell Besitz ergreifen, lässt aber genügend Raum, um immer wieder Neues zu entdecken und wirkt dabei trotz Ohrwürmer keineswegs langweilige oder kurzlebig…
Monster Magnet Mastermind
Napalm Records
Yes, sie können es immer noch - besser gesagt - sie können es wieder: so richtig schon drogengeschwängert, wabernd, sphärisch Abrocken. Nachdem mir Monster Magnet um die Jahrtausendwende mit ihren Schweinerockalben und ihren Altrockergepose-Konzerten ziemlich auf den Zeiger gingen (wo waren die schönen alten Spacerock- und "It's a satanic drug thing, you wouldn't understand"-Zeiten der 90er hin?), kriegen die Herren Rocker um Dave Wyndorf mittlerweile wieder die Kurve. Anscheinend haben sie gemerkt, dass sie mit ihrem Stadionrock-Sound eine Menge alter Fans verprellt haben. Und Stadionrock sollten Monster Magnet wahrlich anderen überlassen, Bands, die das auch können und nicht schon beim Versuch scheitern. So gesehen könnte "Mastermind" als Rückschritt gewertet werden; jedoch ein Rückschritt, der der Band verdammt gut getan hat!
No Age Everything In Between
Sub Pop/Cargo
No Age mausern sich immer mehr zu meiner absoluten Sub Pop-Lieblingsband. Absolut großartig, wie das Duo aus Los Angeles Punkästhetik, Kunstanspruch, Trash und psychedelisches Hippiegewaber gekonnt verbindet und zu einer absolut mitreißenden Einheit verschmelzen lässt. Auch wenn es langsam Ermüdungserscheinungen hervorruft, die ewigen Blaupausen aufzuzählen, sind und waren es doch einfach diese Bands, die das Musikbusiness einst revolutioniert haben und in deren Tradition No Age sich so leichtfüßig bewegen, als wären sie die Kinder von Kim Gordon und Thurston Moore.
Doch trotz aller Weiterentwicklung, Festung und Professionalisierung des Sounds, haben No Age immer noch nicht das Ungestüme und Polternde der Marken Treepeople, Love Battery oder früherer Superchunk Platten verloren. Und wenn dann wieder diese Jesus And Mary Chain-artigen Gitarren- und Soundwände auftauchen, haben No Age auch hier wieder alles richtig gemacht. Doch, No Age ist mit "Everything In Between" ein herausragendes Album gelungen, das nicht nur durch seine Musik besticht, sondern auch in Zeiten von Billigverpackungen durch sein künstlerisch anmutendes Äußeres auffällt.
Nouvelle Vague Couleurs sur Paris
Barclay/Universal
Es gibt ja Rezensenten, die den beiden Jungs von Nouvelle Vague Marc Collin und Olivier Libaux etwas, ja, weltverschwörerisches andichten wollen, als ob sie es geplant hätten, mit ihrer Chanson- und Bossa Nova-Verwurstung alter New Wave Hits besonders den alten Fans dieser Musikbewegung etwas antun zu wollen. Doch habe ich gerade den Eindruck, dass es oft die alten New Wave Fans sind, die die Musik von Nouvelle Vague besser verstehen, als die Rezensenten, die ja irgendetwas schreiben müssen und sich dann halt Gedanken machen, was ja grundsätzlich nicht schlecht ist. Ich glaube nämlich, dass sich die Jungs von Nouvelle Vague gar nichts Tieferes dabei gedacht haben, sondern einfach nur Lust hatten die alten Hits zu spielen und damit irgendwie halbwegs Erfolg zu haben. Und den haben sie, nach zwei oder waren es drei New Wave-Cover Alben und einer Filmmusik-Covergeschichte.
Dass Nouvelle Vague eigentlich niemanden vor den Kopf stoßen wollten, beweist das neue Album, das wohl höchstens in Frankreich selbst für große "Aha"-Momente ob des Wiedererkennungswertes sorgen wird. Auf "Couleurs sur Paris" haben Nouvelle Vague mit Hilfe namhafter Sängerinnen - ja, das alte Konzept bewährt sich auch hier wieder und es sind dieses Mal die zauberhafte Coeur de Pirate oder die nicht weniger zauberhaften Coralie Clément, Camille, Soko und gar Vanessa Paradis dabei - alte französische New Wave (-Pop) Songs im bewährten Chanson- und Bossa Nova-Gewand gecovert. Bis auf Mano Negra, Les Rita Mitsouko oder Indochine handelt sich es meistens um Bands, die hierzulande eher nur von Kennern geschätzt werden. Auch Lio oder TC Matic könnten vielleicht noch ein kleines "Ach ja, da war doch was!" auslösen, aber Lili Drop, Wunderbach oder Etienne Daho rufen dann doch eher ein Fragezeichen auf. Oder?
Bemerkenswert scheint für mich aber, dass die französische Punk-New Wave-Szene der frühen 80er Jahre dann doch etwas ausufernder gewesen sein muss, sodass Nouvelle Vague guten Gewissens auf Szenegrößen wie Charles de Goal, Berurier Noir oder Warum Joe verzichten konnten. Wie auch immer, "Couleurs sur Paris" ist ein äußerst kurzweiliges, anspruchsvolles, loungiges und gediegenes Pop-Album, dass glücklicherweise nicht anbiedernd wie die früheren Cover-Alben rüber kommt, sondern wohl außerhalb Frankreichs für ganz wenige "Aha-Momente" sorgen wird.
Panteón Rococó Ejército de Paz
Unter Schafen Records/Alive
Latino-Ska-Rock spricht mich eigentlich höchst selten an, zu Aufgesetzt klingt der Friede-Freude-Eierkuchen-Sound zu oft und diese ganze "Corrazon"-Gefühlsduselei geht mir auch auf den Senkel. OK, ich gebe es ja zu, live können diese Bands meistens dann doch eine famose Bombe zünden, denn höchst tanzbar ist diese Musik ja schon, aber auf Platte entlockt mir dieser Sound dann oft doch nur ein müdes Lächeln.
Umso überraschter bin ich vom Ergebnis des neuen Panteón Rococó Albums, das heißt, überhaupt von deren Musik, denn bisher war mir die Gruppe nur als Phantom-Band bekannt; ich wusste, dass es diese Band gibt, habe mich aber aufgrund meiner latenten Latinomusikabneigung nie mit ihr näher beschäftigt - vielleicht ein Fehler, denn auf "Ejército de Paz" wissen Panteón Rococó auf fast ganzer Linie zu überzeugen. Ska, Rock, Reggae, Latinsounds und sogar Discofunk werden hier höchst gekonnt zu einer Einheit zusammengefügt. Der Sänger erinnert mich zwar an die unsäglichen Heros del Silencio, dafür wird aber mit "Corrazon"-Textzeilen glücklicherweise gespart. Löblich!
Superchunk Majesty Shredding
One Four Seven Records/Soulfood
Ha, auf ein neues Superchunk Album fiebere ich schon seit Jahren hin und pünktlich zu Weihnachten 2010 ist es dann so weit: Majesty Shredding liegt in den Läden und in den Mailordern. Das erste Superchunk Album seit fast zehn Jahren, seit dem tollen "Here's to Shutting Up", was die Band wohl eine ganze Zeit lang wörtlich genommen hatte, denn offiziell aufgelöst haben sich Superchunk ja nie, nur nix mehr von sich hören lassen. Also aktiv nichts mehr von sich hören lassen, denn passiv ja schon, führen doch die beiden Bandmitglieder Mac McCaughan und Laura Ballance das Indie-Label Merge, das so tolle Bands wie Arcade Fire, Shout Out Louds, American Music Club oder Neutral Milk Hotel herausgebracht hat.
Beim ersten Hören von "Majesty Shredding" beschleicht einem das Gefühl, dass es sich hier nicht um die etwas verschrobenen, experimentierfreudigen Superchunks der späteren Platten handelt, sondern um eine zugegeben schräge College-Rockband. Doch wie so oft bei Superchunk Alben entwickelt sich die Schönheit der Musik beim mehrmaligen Durchhören. Und dann wird einem auch bewusst, dass Superchunk die besten Anteile ihrer Früh- und ihrer Spätphase zusammengepappt haben. Das Unbeschwerte, Offensive, Frische, Collegerock-artige von "No Pocky For Kitty" oder "On The Mouth" trifft hier auf das Verschrobene, Ausdrucksstarke, Experimentierfreudige und Ziselierte von "Come Pick Me Up" oder "Here's To Shutting Up". Also nicht wirklich etwas Neues, aber zum Glück ein neues Lebenszeichen von Superchunk, das es in sich hat und nicht nur alte Fans begeistern sollte. Ganz stark!
The Third Eye Foundation The Dark
Ici D'Ailleurs/Cargo
Richtig fesselnden Postrock präsentiert uns auf "The Dark" der Ausnahmemusiker Matt Elliot mit seinem Projekt The Third Eye Foundation. Zehn Jahre nach dem letzten The Third Eye Foundation Release, beweist Matt Elliot auch 2010, dass er es in Sachen Postrock, Electronic, Dubstep sowie Drum'n'Bass immer noch drauf hat und damit ganz eigensinnige und selig-gediegene Soundlandschaften kreiert. Verwundern kann das aber kaum, denn wenn der Mann nicht so gut wär, hätten ja wohl kaum Ausnahmemusiker wie Yann Tiersen, Mogwai, Tarwater oder Thurston Moore die musikalische Hilfe des Mannes aus Bristol angefordert.
Wino Adrift
Exile On Mainstream Records
Normalerweise ist Scott Wino Weinrich dann doch eher für laute, krachende und fulminante Töne zuständig, aber was ist schon bei der lebenden Doomrock-Legende Wino normal… So hat der breitschultrige Bilderbuchrocker schon bei unvergessenen, legendären, einflussreichen und wunderbar rockenden Bands wie Saint Vitus, The Obsessed, The Hidden Hand oder Shrinebuilder gespielt und maßgeblich deren Sound beeinflusst. Eine recht unstetige Ader scheint der Herr Wino zu besitzen und kann wohl nicht sehr lang an einem Ort verharren und ewig dieselben Gesichter sehen, deshalb wohl wieder ein neues Projekt.
Und dieses Projekt kann man dann gut und gerne als reines Soloprojekt bezeichnen, denn hier bekommt man größtenteils nur Winos Gitarre und Stimme zu hören - und das reicht eigentlich auch. Ich habe selten ein so unter die Haut gehendes Songwriteralbum gehört. Liegt es am grollenden Bass in Winos Stimme? An den melodischen und ausgeklügelten Gitarrenmelodien? Am ausgefuchsten Songwriting? Oder auch am nicht zu überhörenden Hardrock-Einfluss? Es wird wohl die Mischung aus all diesen Faktoren sein, die eine sehr düstere, melancholische, aber auch tröstende Stimmung vermitteln. Das ist ganz großes Songwriting, welches sich hinter den Größen dieses Genres nicht wirklich verstecken braucht. Und selbst aus Motörhead Songs macht Wino nur mit seiner Klampfe bewaffnet komplett neuwirkende Lieder. Kürzlich habe ich Wino noch mit diesem Akustikprogramm auf einer Alm in den Salzburger Bergen live gesehen. Es war fesselnd und elektrisierend zugleich, so wie auch "Adrift". Grandios!
Young Guns All Our Kings Are Dead
PIAS/Rough Trade
Emo-Core meets Stadionrock! Die Young Guns würden sehr gut auf Labels wie Victory Records oder mittlerweile auch Epitaph passen und es gibt sicherlich eine Menge Kids mit schwarz geränderten Augen und schwarz gefärbten Haaren, die auf so etwas stehen, meins ist es jedenfalls nicht. Vielleicht bin ich zu alt, um diese Musik zu verstehen oder zu ignorant, aber um es mit den Worten von Enzensberger zu sagen: "Man muss nicht alles verstehen…". Und auch wenn ein Versuch nicht schaden würde, wäre mir wohl die Zeit dafür zu schade.