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Die Aeronauten
Too Big To Fail
Rookie Records/Cargo
Vergesst Hamburg, vergesst Berlin - eine der besten deutschsprachigen Bands überhaupt, kommt aus der Schweiz. In diesen unstetigen krisengeschüttelten Zeiten ist immerhin auf eines Verlass: Auf die Aeronauten und darauf, dass sie auch nach über 20 Jahren Bandgeschichte immer noch ein großartiges, faszinierendes Album produzieren können. Auf die Jungs ist immer Verlass!
Da, wo andere deutschsprachige Bands entweder zu weinerlich und nostalgisch wirken, kurz vor dem Abdriften in Richtung Kitsch sind oder auf harte Jungs machen, gehen die Aeronauten ihren eigenen Weg in Richtung Witz, Charme, Stil und Geschmack. Da, wo andere bislang integere deutschsprachige Indie-Bands sich dem deutschen Contest-Casting-Fernseh-Mob anbiedern, sind die Aeronauten im positiven Sinne so TV-untauglich, dass sie es wohl gar nicht erst auf solch eine Contestbühne schaffen würden, auch wenn sie sich noch tausendmal dafür bewerben würden. Und das ist auch verdammt gut so… Passend dazu sollte man sich den Song "Wegen dir" anhören.
Und nun, 20 Jahre nach dem Erscheinen ihrer ersten Kassette (am Ende der in den 80ern recht lebhaften Tape-Szene; ich hege und pflege immer noch dieses GUZ/Der Böse Bub Eugen Split-Tape, dass Ende der 80er auf Irre-Tapes erschien) erscheint mit "Too Big To Fail" ein Doppelalbum, dass sich aber sowas von gewaschen hat. Mit ihrer hauseigenen Mischung aus Mod, Country, Beat, Funk, Pop, Easy Listening und Indie-Rock, den wunderbar arrangierten Bläsersätzen sowie ihrem Witz und Verve in den Texten, sprühen die Aeronauten auch 2012 nur so vor Spielfreude und Kreativität. Und selbst Dixieland wie im Song "Der steinerne Rächer" - eine Musikrichtung, die spätestens seit der Knoff-Hoff-Band verboten gehört - kommt bei den Aeronauten irgendwie ganz gut. Ja, die Aeronauten dürfen alles. Mit dem powerpoppigen "Zementgarten", dem Mod-stylischen "Hemmungslos" und dem theatralisch-epischen "Das Ende ist nah" haben sie auch mindestens drei Superhits auf dieses Album gepackt, was nicht bedeutet, dass die anderen Songs keinen Ohrwurmfaktor besitzen. CD 2 ist größtenteils instrumental aufgenommen und würde noch jede so müde Studentenparty in eine absolute Tanzhölle verwandeln. Tja, das Jahr ist ja noch lang und deshalb möchte ich mich noch nicht festlegen, aber "Too Big To Fail" steht jetzt schon bei meiner persönlichen Wahl zum Album 2012 ganz weit oben auf der List.
The Beets
Let The Poison Out
Hardly Art/Sub Pop/Cargo
"Let The Poison Out" klingt sehr nach hippem New York; irgendwie aber auch nach dem Flower Punk der Marke Black Lips. Dass sich The Beets nicht nur innerhalb New Yorks einen Namen erspielt haben, liegt wohl an deren Händchen für lässige Indiemusik: Strokes'scher Garagerock, LoFi der Marke Pavement und Sixties-Pop à la Vivian Girls werden hier mit Hilfe von schrägem Freakbeat ziemlich krampflos kombiniert. Sehr cool!
Cœur de pirate
Blonde
Le Pop Musik/GrooveAttack
Wurde ihr 2010er Debütalbum noch stark von der getragenen, dunklen Stimmung ihres Klavierspiels getragen, hat Béatrice Martin alias Cœur de pirate auf "Blonde" eine fast 180° Drehung absolviert und präsentiert uns hier französische Popmusik, die ihren Vorbildern aus den 60ern und 70ern wie France Gall, Nicoletta, Sheila oder François Hardy in kaum etwas nach steht. Mittlerweile wird die Kanadierin ja auch als das YéYé-Girl der Generation Facebook bezeichnet und ist in Frankreich und Kanada mittlerweile eine große Nummer. Mit ihrem Mix aus französischem YéYé-Pop und Chanson, tritt Cœur de pirate mit "Blonde" das Erbe großer Sängerinnen wie France Gall oder François Hardy an. Trés chic…
EA80
Definitiv: Nein!
Slowboy/Cargo
Über diese Band ist ja schon so gut wie alles geschrieben worden, obwohl sich EA80 dem normalen Musikbusiness irgendwie immer verweigerten. Echte Punker halt. Die Band aus Mönchengladbach war schon immer so etwas wie die Punk-Konsensband, spielte früher in jedem Kaff, in jedem besetzten Haus in jedem Autonomen Zentrum. Und obwohl es nie eine große PR-Maschinerie dahinter gab, oder vielleicht auch gerade deshalb, waren diese Konzerte immer mehr als gut besucht. Ich erinnere mich noch an das Konzert im Aachener Autonomen Zentrum etwa Mitte der 90er, da waren draußen vor dem Laden nochmals mindestens genauso viele Punks, die leider nicht mehr reinkamen. Jeder Punk, der irgendwie kritisch gedacht hat und politisch interessiert war, hörte früher EA80. Obwohl die Band selbst in ihren Texten eigentlich eher selten explizit plakativ politisch war. Songs mit klaren Kampfansagen wie "Gladbach soll brennen" gab es und gibt es dann doch etwas seltener. Für so etwas waren früher eigentlich immer Bands wie Slime zuständig. Nein, EA80 waren schon immer für den etwas subtileren Punksound zuständig - und natürlich für die dunkle, melancholische Seite. Irgendwie waren EA80 immer die deutschen Wipers.
Mit "Definitiv: Nein!" bringen EA80 mal wieder ein großartiges deutsches Punkalbum heraus. Im Gegensatz zu den meisten deutschen Partypunkbands und belanglosen Pseudocombos, können EA80 immer noch mehr als überzeugen. Die Herren aus Gladbach haben etwas zu sagen und sie können wirklich jede deutsche Punkband dermaßen an die Wand spielen. Das hat Wucht und Kraft und Energie und Wut. So kommt der Sound auf "Definitiv: Nein!" auch mehr krachender und noisiger rüber, als dunkel und melancholisch. Manchmal klingt das sogar richtig bedrohlich. Endlich mal wieder eine Punkplatte, die Herz und Seele hat, bei der man wahrlich sagen kann: Punk is not just a four letter word. Hört euch nur den Opener "Fort von krank" an oder das epochale Finale "Die Suche" und ihr wisst, was ich meine. Nein ehrlich, das hätte ich so nicht erwartet, dass mich EA80 auch 2012 noch dermaßen umhauen und überzeugen können. Es ist definitiv mühselig zu eruieren, welche EA80 Platte nun die beste ist, aber "Definitiv: Nein!" gehört definitiv ganz oben mit dazu…
Goldner Anker
Goldner Anker
Super Kamiokande Detector/Broken Silence
Noiserock aus Dresden! Goldner Anker, die man bisher von einer Splitsingle mit DŸSE kennt, haben nun ihr Debütalbum veröffentlicht. Tja, und irgendwie lassen die mich ganz schön verblüfft zurück, denn ihr recht schräger und sperriger Noise-Sound geht recht gut ins Ohr. Der fulminante weibliche erinnert dann manchmal an die guten Riot Grrls Bands wie Babes In Toyland oder The Slags. Aber für einfachen Riot Grrrl Rock ist die Musik von Goldner Anker dann doch zu ausufernd und schräg. Ein scheppernder Beat legt den Teppich für kraftvolle Gitarrenwände und eine schon fast süß klingende Orgel. Irgendwie ist dieses Album an Schrägheit kaum noch zu überbieten, dennoch klingt alles kohärent und stringent. Das hat alles Hand und Fuß und einen roten Faden am goldenen Anker. Sehr schön…
I Am The Avalanche
Avalanche United
Xtra Mile Recordings
Ja, das hat was. I Am The Avalanche hören sich irgendwie so an, als wenn Fat Mike zusammen mit Hot Water Music eine Platte aufnehmen würde. Klingt schräg? Nee, das passt eigentlich ganz gut. Die Band aus den USA haut uns mit "Avalanche United" eine absolut krachende Soundlawine um die Ohren, die auf ihrem Weg ins Tal noch Postcore, Emo und Skatepunk mit sich reißt. Erstklassig produziert ist das Ganze, besticht durch ein dezidiertes Songwriting, die erstklassige Gitarrenarbeit und hält die Ohohoh-Sprechchöre schön dezent und gut pointiert in Schach. Nein, da gibt es wirklich keinen richtigen Ausfall. Wäre das Album zehn oder 15 Jahre früher gekommen, wären I Am The Avalanche wahrscheinlich eine ganz große Nummer. Heute jedoch müssen sie sich mit platten NOFX oder Hot Water Music Vergleichen abgeben. Sehr fett!
Johnny Foreigner
Johnny Foreigner vs. Everything
Alcopop/Cargo
Ziemlich schräger, aber groovig fulminanter Indierock präsentieren uns hier Johnny Foreigner auf seinem Zug gegen Alles. Dabei erinnert das Ganze oft eine etwas nervös gewordene Version von Bloc Party. Dabei klingen Johnny Foreigner dann aber doch etwas abwechslungsreicher, pendeln zwischen balladesken Indiepop und krachendem Artpunk und bekommen eine ganz eigene Note mit abwechselndem Damen- und Herrengesang. Doch, da hat man in Sachen Indie schon eine Menge Schlimmeres gehört. Kann sich sehen lassen.
Magazine
No Thyself
Wire-sound/Cargo
Erstes Album der Post Punk und New Wave Ikonen seit 30 Jahren. Nachdem Magazine zwischen 1977 und 1981 vier teilweise stilprägende Alben veröffentlichten, war erst mal Schicht im Schacht. Mit "No Thyself" beweist die Band um Gründungsmitglieder Howard Devoto und Barry Adamson, dass sie auch heute noch Großes vollbringen kann. Melancholie, Monotonie und Morbidität sind hier die drei Schlagworte, die Magazine auf diesem Album eindrucksvoll gekonnt vereinen. "No Thyself" sticht nicht umsonst aus dem ganzen Wust des Eightys-Revivals heraus, denn das ist das Original…
Night Birds
The Other Side Of Darkness
Grave Mistake Records
Ach du heiliger Bimbam - selten so einen geilen Albumanfang gehört. Da hauen dir die Night Birds in den ersten Sekunden ihrer Platte ein so geiles Surfpunk-Intro um die Ohren, dass sogar Agent Orange ihre helle Freude daran haben sollten. Oder sie machen sich vielleicht in ihre Badehose, weil sie so etwas auch nur mit äußerster Mühe hinkriegen würden. Und so wie "The Other Side Of Darkness" anfängt, geht es auch höllisch weiter. OC-Punk und Westküsten-Hardcore geben sich hier die Klinke in die Hand. Und immer wieder surft so ein geiler Agent Orange Sound durch die Gegend. Fans der Adolescents, DI, Circle Jerks oder eben der altehrwürdigen Agent Orange sollten jetzt mal mit ganz zitternden Händen im Netz nach den Night Birds forschen und sich danach unbedingt diese Platte zulegen. Insgesamt 13 Lieder in unter 23 Minuten - mehr braucht der Oldschool-Punker nicht zum glücklich sein. Diese Platte endet dann auch wie sie anfing: wie ein mächtiger Schlag mit dem Surfbrett auf die Zwölf. Galaktisch gut!!!
Pleased To Meet U
Ausgang Mexiko
Major Label/Broken Silence
Gibt es eigentlich noch das Label Salon Alter Hammer? Lange nichts mehr von denen gehört. Vor ein paar Jahren haben die ja immer wieder richtig tolle, frische und unkonventionelle Postcore Bands auf den Markt gebracht. Da waren richtig entdeckungswürdige Bands dabei, so wie Pleased To Meet U aus Köln. Die kommen jetzt jedenfalls auf Major Label, einem anderen ehrwürdigen Label heraus. Und irgendwie passen Pleased To Meet U auch gut in das Programm vom Major Label, fügen sich gut ein zwischen Kommando Sonne-nmilch, Leatherface, Fliehende Stürme und Goldner Anker. Postcore trifft hier auf Emotionen, Morbidität auf Krach, Politisches auf Privates. Die deutschen Texte sprühen nur so vor Aussage und im Gegensatz zu vielen deutschen Bands, haben Pleased To Meet U etwas zu sagen und wenn es gar im Lied "Oben" in Form eines A Capellas sein muss. Das zeigt jedoch, dass "Ausgang Mexiko" nicht nur vor Aussage sprüht, sondern auch vor Ideen und Kreativität. Schon lange kein derart verkopftes, aber dennoch eingängiges Album mehr gehört, vor allem von einer deutschen Band. Pleased To Meet U machen verdammt viel Spaß, ohne aber billig oder gar anbiedernd zu wirken. Große Klasse!
Porcelain Raft
Strange Weekend
Secretly Canadian/Cargo
Wow, das ist Musik, die auch auf das Szenelieblingslabel Fortuna Pop gepasst hätte. Im Stile von Bands wie The Pains Of Being Pure At Heart oder The Ladybug Transistor kombinieren Porcelain Raft Psychedelic-Pop, Cold Wave und New Romantic auf besonders faszinierende Art und Weise. Nicht so rockig wie die Pains, dahingegen aber auch nicht so schwülstig wie die Transistors. "Strange Weekend" beinhaltet somit eine gekonnte Mischung aus Echo And The Bunnymen, Prefab Sprout und irgendwie auch Soft Cell.
This Love Is Deadly
This Love Is Deadly
Noisolution/Indigo
Also, Hut ab vor dieser Leistung. So etwas bekommt man heutzutage auch eher selten zu hören. This Love Is Deadly zelebrieren einen so hinreißenden Noiserock, dass man sich schon fast in den 80ern oder 90ern wähnt. Das Trio aus Berlin lässt dabei alte Helden wie Notwist, Yo La Tengo, Sonic Youth oder Toenut aufleben. Ganz bezaubernd ist vor allem der oft fast schon gehauchte weibliche Gesang auf den zerberstenden Gitarrenwänden. Krach trifft hier auf Groove, Sprödheit auf Eingängigkeit. This Love Is Deadly schaffen das, was sonst wenigen Noiserock-Bands gelingt: nicht zu verkopft zu klingen. Trotz aller Noiseattacken besitzt dieses Album immer noch eine gehörige Portion Popappeal. Einfach entzückend.
Vånna Inget
Allvar
Heptown Records/Cargo
Oh, ich mag Schweden - das Land der Elche, Fleischbällchen und Blaubeertörtchen. Und vor allem mag ich schwedische Musik; und damit meine ich jetzt nicht nur Schwedenrock oder schwedische Garagebands, sondern vor allem auch schwedische Punkbands, die dann auch noch auf Schwedisch singen. Ob legendäre Bands wie Ebba Grön oder Asta Kask, Vånna Inget stehen voll in der Tradition alter melodischer, aber wütender Punkbands. Da wo neuere Bands wie Masshysteri, Knugen Faller oder Sista Sekunden diesen Sound weiterentwickelt haben, setzen Vånna Inget mit "Allvar" noch einen drauf: Da gesellt sich zum Punk eine gehörige Portion Power Pop, süße Melodien treffen da auf Melancholie und Wut und auch eine Surfgitarre darf wie im Song "Alla Andra Dagar" nicht fehlen. Sängerin Karolina Engdahl setzt mit ihrer klaren Stimme dem Popappeal dieser Platte noch die schwedische Krone auf. Im Gegensatz zum hysterischen Gesang von Masshysteri, klingen Vånna Inget teilweise richtig brav. Das kommt dann vor allem in den eher ruhigeren, schon fast balladesken Songs wie "Tickande Bomb" oder "Allvar" gut zur Geltung. Ja, ich mag schwedische Punkbands und vor allem den Klang schwedischen Gesangs. Vånna Inget kann ich euch nur wärmsten empfehlen - und das gilt nicht nur für Schwedenfans und Ikeafetischisten…
Wild Flag
Wild Flag
Wichita/PIAS/Rough Trade
Sleater-Kinney gehörten zur Grunge-Zeit in den 90ern neben L7, Babes In Toyland oder den Lunachicks zu den ganz großen Riot Grrrl Rockbands überhaupt. Nun, Jahre später melden sich einige dieser Girls zurück und zelebrieren mit Wild Flag einen fulminanten Garage-Rock Sound, der sich vor den großen Jungs des Genres wahrlich nicht verstecken muss. Insgesamt geht der Sound sogar weniger in Richtung Krach und Hysterie alter Riot Grrrls Tage, sondern mehr in Richtung poppigen Garage-Indie-Sound à la Dum Dum Girls oder Vivian Girls. Das ist Rock in Reinkultur…